Automesse

VW überrascht in Genf mit dem neuen Bulli

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Reinhold Schnupp

Volkswagen dominiert den Genfer Autosalon. Aber das schönste Auto der Messe zeigt ein Hersteller, der fast schon in Vergessenheit geraten ist.

Das haben sie sich gut ausgedacht bei VW. Vor dem Genfer Automobilsalon, der ersten großen Messe 2011 in Europa, drehte sich alles um die Präsentation des neuen Golf Cabrio. Doch am Vorabend der Messe, beim traditionellen Konzernabend, zeigte VW das offene Kompaktauto überhaupt nicht. Stattdessen rollte ein Kastenwagen auf die Bühne: Die Studie eines neuen Bulli, der in der Tradition jenes Wagens steht, den VW vor gut 60 Jahren auf den Markt brachte.

Der VW-Bus sorgte für Mobilität einer jungen Generation, die sich nach Freiheit sehnte und sich mit dem schon damals Bulli genannten Wagen neue Horizonte erschloss. Und das nicht immer nur durch das Überfahren von Ländergrenzen.

Nun ist der Bulli wieder da, zwar nur knapp vier Meter lang, aber doch mit einigen Details versehen, wie es sie auch in den 60er- und 70er-Jahren gab. Dazu gehören zum Beispiel zwei durchgehende Sitzbänke, auf denen jeweils bis zu drei Personen untergebracht werden können. Natürlich lassen sie sich auch so zusammenlegen, dass aus dem Wagen auch eine Herberge für die Nacht werden kann. Aber faszinierend wirkt die Bulli-Studie vor allem durch eine mutige Gestaltung.

Zweifarbig, in Weiß und kräftiges Rotbraun, ist die Fassade des Wagens getaucht. Nach oben hin öffnet ein großes Panoramadach den Himmel für die Blumenkinder der Zukunft.

Übergroß ist das Markenemblem an der Front des Bullis platziert: Es ist der selbstbewusste Ausdruck der Wolfsburger, die stolz auf ihre Ideen sind. Und zurzeit wohl machen können, was sie wollen, und offenbar immer die richtige Idee zur rechten Zeit parat haben. Dieser Wagen ist der Star der Messe, um den sich in den kommenden Tagen das Publikum in Scharen versammeln dürfte.

VW nämlich belässt es nicht bei einem hübschen Anstrich und der Wiederbelebung einer alten Idee. So hat es BMW mit dem Mini vorgemacht und Fiat mit dem 500er. VW geht einen Schritt weiter. Innen herrscht eine Atmosphäre, wie sie sich junge Kunden wohl wünschen. Gesteuert werden fast alle Funktionen über einen installierten Computer, sodass die übrigen Flächen klar und unverschnörkelt bleiben.

Und natürlich wird zumindest die Studie des Bulli von einem Elektromotor angetrieben, der aus Lithium-Ionen-Batterien mit Energie versorgt wird. Seine Reichweite: 300 Kilometer. Die Höchstgeschwindigkeit: 140 Kilometer pro Stunde.

So also sieht VWs schöne neue Welt aus. Und sie soll auch noch bezahlbar sein: So um die 20.000 Euro könnte der Wagen kosten, sagt VW-Entwicklungsvorstand Ulrich Hackenberg, wenn auch mit geringerer Reichweite. Aber: Noch ist der Bulli der nächsten Generation angeblich nicht beschlossene Sache. Wer es denn glaubt...

VW zeigt mit dem Auto aber auch, wie man die Schlagzeilen einer Messe beherrscht. Am Morgen nach der Eröffnung des Automobilsalons zog Konzern-Vorstand Martin Winterkorn mit dem Aufsichtsratschef Ferdinand Piech von einer Präsentation zur nächsten. Das Duo wirkte wie bei einem Triumphzug durch die Hallen und lächelte dem Publikum gelegentlich gönnerhaft zu.

Kurz nach Sonnenaufgang begann es mit der Weltpremiere des Porsche Panamera Hybrid, der nun mit knapp sieben Litern Treibstoff im Durchschnitt auskommen soll. Dabei bietet der Wagen eine Systemleistung (mit Elektromotor) von 380 PS und beschleunigt auf 270 Kilometer pro Stunde. Der CO 2 -Ausstoß liegt bei 159 Gramm pro Kilometer. "Das hier ist der sparsamste Porsche in der Geschichte unserer Marke", sagte Entwicklungsvorstand Wolfgang Hatz.

Zwei Kilometer legt der Panamera Hybrid, der noch mit konventionellen Nickel-Metall-Hydridbatterien ausgestattet ist, ohne Benzinmotor zurück. Und ist der viertürige Sportwagen einmal unterwegs und gleitet auf der Autobahn oder Landstraße dahin, schaltet der Benzinmotor unterwegs ab und, wie man bei Porsche sagt, "segelt" dahin. Diesen Effekt gibt es auch beim Porsche Cayenne Hybrid, aus dem das Antriebssystem übernommen wurde.

Von Kampfjets inspiriert

Winterkorn und Piech zogen weiter: Von Audi, wo der kompakte Geländewagen Q5 Hybrid stand und die frühere Rallyefahrerin Michelle Mouton den neuen Audi RS3 auf die Bühne fuhr, zu Lamborghini.

Beim Nachfolger des Murcielago, dem Aventador, verzichtete Markenchef Stephan Winkelmann darauf, die Verbrauchswerte dieses Supersportwagens anzusprechen.

"Unser Ziel war es, ein extrem emotionales Auto zu entwickeln", sagte Winkelmann. Das ist Ingenieuren und Designer des Wagens zweifellos gelungen, die angeblich vom Aussehen von Kampfjets inspiriert gewesen sein sollen.

Anlass, sich über Fahrzeuge dieser Art aufzuregen, sollten nicht einmal Umweltaktivisten haben. Wer einen solchen Sportwagen kauft, stellt ihn in die Garage und freut sich daran. Solange jedenfalls stimmt dann auch die Umweltbilanz.

Weltrekordauto bei Bentley

Bentley, eine weitere Marke des Volkswagen-Konzerns, stellte ein Weltrekordauto in den Vordergrund. In einer Miniserie von 100 Fahrzeugen können es Kunden zu Preisen ab 211.000 Euro zuzüglich Mehrwersteuer erwerben. Der finnische Rennfahrer Yuha Kankkunen erreichte mit der Urversion auf einem Eissee in Finnland Tempo 330,7. Entsprechend heißt der Wagen nun auch: Ice Speed Record Convertible. Wohl auf kaum einer Messe zuvor ist ein so ausgewogenes Angebot von unvernünftigen, emotionalen und zukunftsfähigen, sparsamen Fahrzeugen zu sehen gewesen wie in Genf.

Am anderen Ende von Lamborghini und Bentley stand beispielsweise der Nissan Esflow. Der Zweisitzer ist auch ein Sportwagen, aber ein sauberer. "Wir wollen damit zeigen, dass es auch emotionale Autos mit Elektroantrieb geben kann", sagt Nissan-Sprecher Michael Bierdümpfel.

Der Esflow hat die Technik des kleinen Nissan-Elektroflitzers Leaf übernommen, der Ende 2011 auch in Deutschland zu haben sein soll. Er hat eine Reichweite von 240 Kilometern, schafft Tempo 200 und beschleunigt in fünf Sekunden auf 100 Kilometer pro Stunde.

So ein Auto zu entwickeln, war bis vor kurzem für Nissan kaum möglich. Doch dank des Qashqai und des Leaf, für den 27.000 Bestellungen vorliegen, geht es Nissan so gut, dass sich die Marke neuen Ziele setzt: "Wir wollen in Europa von den japanischen Herstellern die Nummer eins werden", sagt Bierdümpfel. Und das bedeutet nichts anders, als Toyota von seinem angestammten Platz zu verdrängen.

Und wer hat das schönste Auto auf seinem Stand? Dieser Titel könnte an Alfa Romeo gehen.

Wieder einmal. In Mattrot stellen die Italiener den 4C vor, den kleinen Bruder des längst ausverkauften 8C. Ab 2012 soll der Wagen als Serienfahrzeug auf den Markt kommen zu Preisen ab 45.000 Euro. Dafür gibt es einen kleinen Supersportwagen mit Mittelmotor und einem Chassis aus Aluminium und Kohlefaser. Nur 850 Kilogramm soll der hinreißend schöne Renner wiegen.

Die Botschaft Alfa Romeos mit dem 4C könnte lauten: Es gibt auch noch andere Hersteller außerhalb des Volkswagen-Konzerns, die Autos bauen können, die Begehrlichkeiten wecken. Aber vielleicht wird Alfa Romeo ja doch noch eines Tages von Volkswagen geschluckt.

Der Besuch der Messe in Genf wurde unterstützt von Mercedes-Benz.