Volkswagen

Das Auto, die Stadt und die große Kunst

| Lesedauer: 7 Minuten
Björn Engel

Seit zehn Jahren macht VW in der Autostadt mehr als nur Geschäfte, es geht um die perfekte Inszenierung – die nicht immer gelingt.

Niemand hat sie eingeladen. Sie sind einfach so gekommen und haben sich auf dem Gelände der Autostadt niedergelassen. Wenn der VW-Erlebnispark in Wolfsburg am 1. Juni zehn Jahre alt wird, feiern sie dennoch mit: die Enten, die im größten Trubel auf einem Bein dösen. Oder das Gänsepaar, das unablässig am Rasen zupft. Nur die Karpfen waren gewollt, um den Algenwuchs in den Gewässern in Schach zu halten. Aber längst genießen auch sie ihr meditatives Dasein und lassen sich füttern von den Millionen, die jährlich durch die japanisierten Gartenanlagen flanieren.

2009 war mit 2,21 Millionen Besuchern das bislang beste Jahr, besser noch als 2001, als 2,17 Millionen Neugierige im Jahr nach der Eröffnung kamen. Diejenigen, die ihr Fahrzeug abholen und dieses mit einem Besuch des Erlebnisparks verbinden, sind dagegen in der Minderheit: 41.500 Neuwagen wurden in der Autostadt in den ersten drei Monaten 2010 in Empfang genommen. Rund zwei Drittel der Besucher, so rechnet man in Wolfsburg, kommen also ohne den Anlass, ein neues Auto gekauft zu haben.

Selbstverständlich ist dieser Erfolg nicht. „Wir hätten mit unserem Konzept genauso gut scheitern können“, sagt Otto Ferdinand Wachs, der Mitte der 90er-Jahre vom damaligen VW-Vorstandsvorsitzenden Ferdinand Piëch beauftragt worden war, eine Erlebniswelt auf dem Industriegelände anzusiedeln. Eine Welt, die das Abholen des Neuwagens zu etwas Unvergesslichem machen sollte.

Wachs beauftragte Architekten, Kreative, Marketingstrategen – alles, was sich vermeintlich auskennt mit den Schnittstellen zwischen Kunst und Kommerz. Und dennoch saß er Ende 1997 halbwegs verzweifelt unter dem Weihnachtsbaum. „Die Vorschläge waren toll, beeindruckend – und doch hätten sie nicht länger als ein halbes Jahr über die Eröffnung hinaus getragen“, sagt Wachs. Und begann noch einmal mit einem leeren Blatt Papier.

Vorbilder oder einfach auch nur konkurrierende Modelle, wie man sie heute „bei den Kollegen im Süden“ von BMW und Mercedes finden kann, gab es damals nicht. „Das, was uns noch am meisten angesprochen hatte, war die Architektur des Getty Museums in Los Angeles“, sagt der Geschäftsführer der Autostadt. „Doch inhaltlich ließ sich da wenig abschauen, weil sich beim Getty alles nur um die Gemäldesammlung dreht.“

Wenn Wachs über diese Zeit sinniert, klingt es, als sei das Ganze schon 100 Jahre her. Dabei ist nur ein Jahrzehnt vergangen, in dem die Autostadt zum Vorbild und Maßstab für alle ihr nachfolgenden Projekte wurde.

Nicht, weil es sich um sein Lebenswerk handelt, sondern weil es die Situation erfordert. Er sitzt hoch oben auf dem offenen, aber für Besucher verborgenen Balkon des Restaurants „Chardonnay“ über der Piazza in der Eingangshalle, während unter ihm die Besucher lärmen. „Es tut mir leid, dass es hier so laut ist“, kokettiert der Chef.

Eine Schulklasse hat auf der Piazza herausgefunden, wie das Werk des Künstlers Ingo Günther zu verstehen ist. Unter der Decke hängt ein riesiger Globus, während der gläserne Fußboden unter ihm rund weitere 80 kleine Globen präsentiert. Auf denen hat der Künstler Themen anschaulich gemacht, die unsere Welt bewegen. Darunter fällt die Statistik der Nikotintoten in einzelnen Ländern ebenso wie der Verlauf der Glasfasernetze, die am Meeresboden verlegt sind.

Was sich bereits in der Eingangshalle der Konzernwelt abzeichnet, ist der Dreiklang aus Kunst, Bildung und Mobilität. „Mittlerweile halten hier Schulklassen aus Niedersachsen offiziell einen Teil ihres Unterrichts ab“, sagt Pressesprecherin Ilka Seer. Die pädagogische und künstlerische Aufbereitung rund um die Mobilität oblag dabei nicht dem Geschäftsführer. Wachs hatte eher damit zu tun, für das innovative Konzept der VW-Tochter im Mutterkonzern zu werben. Die kreative Leitung der Autostadt hingegen befand und befindet sich in den Händen von Maria Schneider.

Hatte sie schon erfolgreich im Kunstmuseum Wolfsburg Ausstellungen zeitgenössischer Kunst unterstützt, dürfte sie in der Autostadt ihre eigentliche Wirkungsstätte gefunden haben. Statt wie bislang die größten zeitgenössischen Kunstschaffenden nur einer kleinen Zielgruppe zu präsentieren, gelang es ihr, die Kreativen für Projekte in der Autostadt zu begeistern.

Jürgen Mayer H., Berliner Stararchitekt und Künstler, hat „Level Green“ gestaltet, die Ausstellung über Nachhaltigkeit. Der Dufttunnel auf dem Gelände stammt vom dänischen Künstler Olafur Eliasson, der schon in der Londoner Tate Gallery ausgestellt und an der Universität der Künste in Berlin gelehrt hat. Im Premium Clubhaus verspiegelte Olaf Nicolai, der bereits auf der Biennale in Venedig und der Documenta in Kassel vertreten war, einen Bugatti Veyron 16.4, das stärkste Serienauto der Welt.

In diesem Zusammenhang wurde sogar Jeff Koons, einem der teuersten Kreativen der Jetztzeit, eine Absage erteilt. „Wir haben uns für einen anderen Künstler entschieden“, sagt Schneider, der sich nicht nur der Kunst, sondern mehr noch dem Publikum verpflichtet fühlt. „Hier wird mit den Füßen abgestimmt.“

Dennoch wäre 2003 das Projekt fast gescheitert. Die Verweildauer der Besucher war damals auf 3,5 Stunden gesunken. „Die Aufenthaltsdauer gibt aber die Qualität des Besuches wieder“, sagt Wachs. Daraufhin wurde die gesamte Konzernwelt im Eingangsgebäude umgebaut, die Kulturreihe „Movimentos“ gegründet, mehr Wert auf die Pädagogik gelegt. „Heute liegen wir bei 5,8 Stunden, das ist ein Riesensprung.“

So könnte man meinen, in der Autostadt sei zur zehnjährigen Jubiläumsfeier alles eitel Sonnenschein. Ist es aber nicht. Denn das Niveau, das auf den Ebenen der Konzernwelt mit „Level Green“, Design- und Börsen-Workshops oder dem Oldtimer-Museum „Zeithaus“ erreicht wird, halten die einzelnen Markenpavillons nicht.

Im Lamborghini-Haus wird ein Gallardo hinter Gitterstäben an der Wand befestigt. Dann dröhnen zu einer Nebel- und Lasershow 110 Dezibel Motorsound aus den Lautsprechern. Seat und Skoda hingegen präsentieren ihre Fahrzeuge nicht viel anders als in den übrigen Schauräumen der Republik. Im Markenpavillon von VW wiederum werden Lifestyle-Filmchen an die Decke geworfen, die die Werte des Konzerns ebenso zeigen sollen wie die vier Jahreszeiten. Im Anschluss wird man in einen Raum geleitet, in dem der Cross Polo gezeigt wird. Der Cross Polo!

Mittlerweile scheinen auch die Marketingabteilungen der Marken, die ihre Häuser selbst gestalten dürfen, ein Einsehen zu haben. „Der VW-Pavillon wird komplett umgebaut“, sagt Wachs. Kürzlich seien zudem zwei Verantwortliche der einzelnen Marken nach einer Runde durch Konzernwelt und Zeithaus bei Wachs vorstellig geworden. „Die meinten, dass sie nun wohl in den Pavillons Gas geben müssten.“ Einsicht ist manchmal der erste Schritt zur Besserung.