Markenstrategie

Was Opel fehlt, ist ein Auto der Oberklasse

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Thomas Geiger

Auf dem Genfer Salon stellt Opel den Konzeptwagen Flextreme GT/E vor. Er wirkt wie ein moderner Nachfolger der Kult-Modelle Kapitän und Diplomat. Solch ein Opel der Oberklasse könnte das richtige Zeichen für den Aufbruch in Rüsselsheim sein. Doch der neue Boss Nick Reilly will zunächst andere Autos bauen.

War das vielleicht der Anfang vom Ende? Als 1993 erst der Senator und zehn Jahre später der Omega eingestellt wurde, da konnte von diesen Entscheidungen nur eine Botschaft ausgehen: Wir bei Opel können es nicht mit großen Autos. Oder, noch schlimmer: Wir können es, aber die Leute glauben uns das nicht.

Ein Flaggschiff fehlt, heute vielleicht mehr denn je. Ein neuer großer Opel, beim Image anknüpfend an Kapitän, Diplomat und Admiral, könnte das Zeichen für eine gelungene Wende sein. Und so ein Ober-Opel fehlt auch dem Management – Volker Hoff, der Vorstand für Regierungsbeziehungen, musste sich im Freundeskreis sogar aufziehen lassen. „Alle haben mir zum neuen Job gratuliert“, sagt der ehemalige hessische Europaminister. „Aber ob ich jetzt wirklich einen Opel fahren müsse, wollten sie wissen.“

Dabei ist das größte Modell derzeit, der Insignia, weder klein noch schlecht. Doch zählt der Wagen eben zur Mittelklasse. Das weiß auch Hoffs Chef Nick Reilly: „Wenn wir unser Image weiter restaurieren und Opel wieder dorthin führen wollen, wo die Marke einmal war, dann dürfen wir die Klasse oberhalb des Insignia nicht brachliegen lassen. Ein neues Flaggschiff im Geist des Senator steht bei uns sehr wohl auf der Wunschliste.“

Dass Reilly und seinem Team die Idee vom Aufstieg nicht ganz fremd ist, zeigt Opel auf dem Genfer Salon mit der ambitionierten Studie Flextreme GT/E. Sie hat einen Elektromotor, der die Vorderräder antreibt – und einen Benziner, der als Reichweitenverlängerer die Akkus lädt, wenn sie leer sind. Im günstigsten Fall verbraucht der Flextreme GT/E nur 1,5 Liter, das gilt aber nur für die den ersten 100 Kilometer, wenn die Akkus rund 60 Prozent der Strecke allein abdecken.

Technisch ist der Wagen verwandt mit dem Opel Ampera, der 2011 als Elektroauto mit Reichweitenverlängerer auf den Markt kommen wird. Reilly ist damit schon von Rüsselsheim nach Genf gefahren, sieben Stunden hat das gedauert. Die flache Schnauze des Flextreme GT/E, seine lange Haube, und die stattliche Statur stempeln das Auto zumindest während der Messe zum neuen Flaggschiff von Opel. Doch jeder Gedanke an eine Serienfertigung sei zu viel gedacht. „Erst einmal haben wir wichtigere Baustellen im Konzern“, sagt Reilly. „Wir müssen den Ampera in Fahrt bringen, und vor allem müssen wir wichtige Lücken schließen.“

Reilly denkt dabei vor allem an einen neuen Kleinwagen unterhalb des Corsa. Zwar gibt es da den Agila. Doch der wendet sich nicht genug an junge Leute ohne Familie, und außerdem: Er entsteht in Kooperation mit Suzuki, und die Japaner gehören seit Dezember 2009 zu knapp 20 Prozent unter das Dach des Volkswagenkonzerns. Die Partnerschaft zwischen Opel und Suzuki wird also nicht verlängert werden. „Wir wollen ohnehin einen größeren Teil des weltweit wachsenden Kuchens“, sagt der Opel-Chef, der das Kleinstwagen-Geschäft lieber allein machen will.

„Außerdem wäre so ein Fahrzeug die ideale Basis für einen elektrischen Stadtflitzer.“ Ohne Reichweitenverlängerer, also nur mit Akkus, könnte der zwar nicht ganz so weit fahren wie der Ampera. Dafür aber ließe sich so ein Auto viel günstiger anbieten und damit in größeren Stückzahlen verkaufen, sagt Reilly. Schon 2012, hofft der Opel-Chef, könnte der kleine Bruder des Corsa auf den Markt kommen – ein, zwei Jahre später dann der elektrische Mini. Das müsste auch sein, denn VW hat für 2013 den Kleinstwagen Up mit Elektroantrieb angekündigt.

Was Reilly sonst noch fehlt, ist ein kompakter Geländewagen, der gegen VW Tiguan oder Ford Kuga antreten könnte. Das Auto würde den glücklosen, aus Korea übernommenen Opel Antara ergänzen und soll auf der Basis des Astra gebaut werden.

Auf der wird es in den nächsten Monaten weitere Neuheiten geben: den sportlichen Astra-Dreitürer, den Kombi und 2011 die Neuauflage des Kompaktvans Zafira. Er behält allerdings seine konventionellen Klapptüren. Weder die gegenläufig öffnenden Türen des kleineren Opel Meriva noch Schiebetüren wie beim neuen VW Sharan hatten eine Chance. Und wenn all das erledigt ist und nebenbei auch der prekäre Kassenstand ausgeglichen wurde: Ist die Zeit dann reif für einen neuen großen Opel?

„Vielleicht“, sagt der Opel-Chef, aber er spielt schon wieder mit einem anderen Gedanken. Ebenso gern wie einen Oberklasse-Opel hätte er einen Nachfolger des Coupés Calibra im Programm. Dieser Wagen war in den 90er-Jahren sehr erfolgreich und wurde dann zugunsten des damals neu erfundenen Zafira eingestellt. Für beide Entwicklungen war kein Geld da. Vielleicht war auch das der Anfang vom Ende.