Expertenstreit

Das verrückte Gaspedal ist kein Toyota-Phänomen

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Klemmende Gaspedale und funktionslose Bremsen: Immer neue Zwischenfälle schüren den Verdacht, dass Toyota trotz millionenfacher Rückrufe bei der Fahrzeugsicherheit schlampt. Auffälligerweise kommen all diese Beschwerden aus Amerika. Dort ziehen die Japaner jetzt in eine milliardenschwere Expertenschlacht.

Zwischen Toyota und dem mächtigen US-Fernsehsender ABC bahnt sich ein medialer Krieg an. Die Auseinandersetzung wirft gleichzeitig ein neues Licht auf die schier endlose Kette von Zwischenfällen, die auf technischen Mängeln an verschiedensten Automodellen des japanischen Herstellers beruhen soll.

Der Sender hatte im Februar einen Bericht gesendet, in dem Professor David W. Gilbert von der Southern Illinois University das elektronische Gaspedal eines Toyota Avalon manipuliert hatte. Mittels einer komplexen Versuchsanordnung gelang es, das Auto plötzlich beschleunigen zu lassen. Der Beitrag vom 22. Februar wurde mit dramatischen Szenen hinterlegt. Einen Tag später berichtete Gilbert vor dem amerikanischen Kongress über die angebliche Fehlkonstruktion.

Toyota hat die Gilbertsche Versuchsanordnung am 8. März vom Forschungsinstitut Exponent Inc. nachstellen lassen. Dabei hat sich bestätigt, dass die Manipulation eine spontane Beschleunigung des Motors bis zur Höchstdrehzahl bewirkt, ohne dass dabei eine Fehlermeldung in der Motorelektronik gespeichert wird. Exponent Inc. hat den Versuch anschließend bei einem Mercedes E 350, einem BMW 325i, einem Honda Accord, einem Subaru Impreza, einem Ford Fusion und einem Chrysler Crossfire nachstellen lassen.

Das Resultat war jeweils identisch: spontanes Hochdrehen ohne anschließende Fehlermeldung. Nach Aussage der Experten ist es ausgeschlossen, dass ein ähnlicher Fehler unter realen Umständen, also im Straßenverkehr, auftreten kann.

Denn die simulierte Fehlerkette, bei der drei von sechs Kabeln manipuliert wurden, hinterlasse Schadensspuren in der Verkabelung. Solche Spuren konnten jedoch bisher bei keinem der nach entsprechenden Zwischenfällen untersuchten Fahrzeuge festgestellt werden.

Auch wurde demonstriert, dass bei Nichteinhaltung der von Gilbert vorgeschriebenen komplexen Reihenfolge sofort eine Fehlfunktion von der elektronischen Steuerung wahrgenommen wird und der Motor im Leerlauf bleibt.

Direktor von Exponent Inc. ist Chris Gerdes, der auch das Zentrum für Automobilforschung der renommierten Stanford Universität leitet. Beide Institutionen werden von der Automobilindustrie unterstützt, auch von Toyota. Doch Gerdes beteuerte, die Untersuchungsergebnisse seinen „in völliger Unabhängigkeit“ entstanden. „Die Expertise von Professor Gilbert könnte zu irreführenden Anschuldigungen und unbegründeten Ängsten führen“, fügte er hinzu.

Gilbert wiederum wird von den Sicherheitsadvokaten der Firma Safety Research & Strategies bezahlt, die sich darauf spezialisiert haben, potenziellen Klägern und ihren Anwälten Argumentationshilfe zu beschaffen. Dort werden Schadenersatzklagen gegen Toyota, deren Streitwert mittlerweile drei Milliarden Dollar betragen soll, vorbereitet.

Das ungewollte Beschleunigen von Automobilen ist bisher ein rein amerikanisches Phänomen. In keinem anderen Land trat der von den dortigen Behörden untersuchte Effekt bei irgendeinem Modell auf. In den USA hatte dagegen bereits in den achtziger Jahren Audi mit ähnlichen Phänomenen zu kämpfen.

Damals sorgten Fernsehberichte über ungewollt beschleunigende Audi-Modelle für einen nachhaltigen Absturz der Verkaufszahlen. 1992 wurde GM Opfer einer ähnlichen Kampagne: Mit manipulierten Fahrzeugen wurde versucht, ein erhöhtes Explosionsrisiko nachzuweisen. Für die zum Beweis vorgelegten Filmaufnahmen explodierender Autos hatten Reporter des Nachrichtensender NBC ferngesteuerten Sprengstoff benutzt.

"Toyota glaubt, dass Kongress und Öffentlichkeit durch Professor Gilbert und die Dramatisierung durch ABC News irregeführt worden sind", teilt der japanische Hersteller nun mit. Man hege gravierende Bedenken bezüglich Methodologie und Glaubwürdigkeit dieser Zurschaustellung angeblich ungewollter Beschleunigung. ABC musste bereits einen Video-Beitrag ändern.

Die Auseinandersetzung beleuchtet auch die jüngsten Zwischenfälle mit dem Toyota Prius, die beinah zeitgleich zur Veröffentlichung der Untersuchungen von Exponent Inc. am passierten.

Am Montag hatte sich ein Prius auf der kalifornischen Interstate 8 bei San Diego selbstständig gemacht. Der Fahrer konnte weder das Gaspedal bewegen, noch bremsen. Erst als er per Handy die Autobahnpolizei rief, zwei Streifenwagen ihn eskortierten und die Beamten im über Lautsprecher Anweisungen gaben, brachte er schließlich das Auto zum Stillstand. Am Dienstag war eine Frau in der Stadt Purchase im Bundesstaat New York mit ihrem Prius wegen eines verklemmten Gaspedals in eine Mauer gekracht.

( AFP/mv )