Motor Show

Trotz klirrender Kälte liebt man es in Detroit offen

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Stefan Anker

Mit der Detroit Motor Show steht die erste Automesse im Jahr 2010 an. Trotz deutlicher Minusgrade stehen dort Cabrios im Mittelpunkt – und auch sonst bietet die Messe einige Ungereimtheiten. Die deutschen Hersteller versprechen sich viel von Detroit, schließlich wollen sie sich weiter in den USA positionieren.

So lange ist es gar nicht her, dass die Welt noch in Ordnung war. Ende 2007 strotzte der amerikanische Automarkt vor Selbstbewusstsein und lag mit 16.153.000 neu zugelassenen Light Vehicles (dazu zählen Pkw, Pick-ups, Vans und Geländewagen) weit vor dem Rest der Welt. Gerade zwei Autojahre später ist Amerika abgestürzt: 10,3 Millionen Neuzulassungen Ende 2009 bedeuten, dass Chinas heißer Atem schon zu spüren ist. Bis 2015 dürfte der Markt im Reich der Mitte stärker dastehen als der amerikanische.

Das sind die Vorzeichen, unter denen am Montag die Detroit Motor Show beginnt. Wie sie ausgeht, welche Impulse die amerikanischen Hersteller setzen können, ist völlig offen. Ferdinand Dudenhöffer, Automobilwirtschaftler an der Universität Duisburg-Essen, hält es einerseits für bemerkenswert, dass etwa der neue Ford Focus zuerst in Detroit gezeigt und in den USA auch früher verkauft wird als in Europa.

Andererseits kann die Strategie, in Nordamerika auf kleinere Fahrzeuge zu setzen (es kommt sogar der Ford Fiesta auf den Markt), angesichts gesunkener Spritpreise auch scheitern. Ford wolle den Focus zudem als Welt-Auto aufbauen, sagt Dudenhöffer, und ihn überall gleich anbieten. Selbst die Werbung solle identisch sein. "Ein TV-Spot, der in den USA ankommt, hat aber große Chancen, in Deutschland oder Frankreich zu floppen – und umgekehrt."

Die Konstante im Messebetrieb könnten die europäischen Firmen sein, die längst nicht so stark von der Krise betroffen sind wie die amerikanischen. Für Mercedes und BMW war Detroit schon immer eine große Bühne, schließlich betreibt man Werke in den Vereinigten Staaten. Auch VW wird dieses Jahr eine Serienfertigung aufziehen: In Chattanooga/Tennessee sollen pro Jahr rund 150.000 Modelle einer neuen Mittelklasselimousine speziell für die USA entstehen. Sie ist Teil der Strategie, bis 2018 rund 800.000 Autos jährlich in den USA abzusetzen – im vergangenen Jahr waren es nach einem vergleichsweise milden Rückgang um 4,3 Prozent noch 213.000.

Mercedes, das in Zukunft neben seinen Geländewagen auch die C-Klasse in den USA bauen will, zeigt in Detroit als wichtigstes neues Serienmodell die offene Version des E-Klasse-Coupés. Das neue Cabriolet passt perfekt zum eisigen Winter, der die Messe gewöhnlich im Griff hat: Als erstes viersitziges Cabrio verspricht die E-Klasse, dass auch hinten Sitzende bei offenem Verdeck zugfrei reisen können.

Ein aerodynamischer Trick macht dies möglich, bei Mercedes heißt die Erfindung Air-Cap, Luftmütze: Ein nur sechs Zentimeter tiefer Spoiler fährt aus dem Rahmen der Windschutzscheibe und lenkt den Fahrtwind in hohem Bogen über den gesamten Fahrgastraum hinweg. Darauf hätte man vielleicht vorher kommen können, die höhenverstellbaren Scheiben vollverkleideter Motorräder haben nämlich einen ähnlichen Effekt.

Aber es ist eben beim Auto noch niemand drauf gekommen, und Mercedes gebührt für die Air-Cap derselbe Entdecker-Ruhm wie beim Air-Scarf. Dieser Luftschal ist ein warmes Gebläse in der Kopfstütze, das 2007 beim Mercedes SLK Premiere hatte und ebenfalls die Zeit des Offenfahrens verlängern hilft. Im E-Klasse-Cabrio ist der Luftschal nun auch zu haben.

Über solche Annehmlichkeiten müssen Interessenten beim Mini Beachcomber nicht nachdenken, denn dieser Wagen hat weder Dach noch Seitenteile. Fans des Ur-Mini erinnern sich an ein ähnliches Gefährt der 60er-Jahre. Es war fürs Militär gestaltet worden, kam dort aber nicht an und machte als Mini Moke eine kurze Karriere in zivil.

Der Beachcomber dagegen wird nicht in Serie gehen, ein tür- und dachloses Auto ist schon aus Gründen der Crashsicherheit heute nicht zu vertretbaren Kosten produzierbar. Die Konzeptstudie zu zeigen ist dennoch nicht vergebens: Der Beachcomber ist mit gut vier Metern länger als ein gewöhnlicher Mini, und er soll den Käufern zeigen, wohin für ihre Marke die Reise geht: Ende 2010 kommt ein echter Vier-Meter-Mini, mit vier Türen, mehr Platz innen und einem Hauch Geländegängigkeit dank leicht hochgesetzter Karosserie.

Damit könnte man vielleicht auch die amerikanischen Käufer wieder neu motivieren, deren Interesse am Mini etwas nachgelassen hat. Mit 50.000 Zulassungen steht der Mini aber noch gut da im Vergleich zum Smart – seine Zahlen in den USA sind um 38 Prozent auf knapp 15.000 zurückgegangen. Als 2008 die Benzinpreise in die Höhe schossen, hatten die Kleinen noch Konjunktur, doch bei 2,60 Dollar pro Gallone (48 Euro-Cent pro Liter) scheint das Sparen weniger attraktiv zu sein.

Ferdinand Dudenhöffer glaubt außerdem, dass die Deutschen es nicht schaffen, ihre "Clean Diesel“-Technik in den USA erfolgreich zu verkaufen. "Der niedrige Benzinpreis und die stärker werdende Hybridfront lassen dem Diesel in den USA keinen Spielraum.“ Das zeige sich auch in der Entscheidung der japanischen Hersteller, ihre Dieselmotoren nun doch nicht in den USA anzubieten.

Vielleicht gelingt es ja Fiat nach mehr als 40-jähriger Abstinenz vom US-Markt, neue Akzente zu setzen. Immerhin gehört den Italienern nun die amerikanische Firma Chrysler, und an deren Stand machen sich von Montag an der putzige Cinquecento breit. Detroit muss eben für alles offen sein.

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