Leitartikel

Tag der Deutschen Einheit: Glückstag in schwierigen Zeiten

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Es bleibt wichtig, an das Glück der deutschen Einheit und den Mut der Menschen in der DDR damals zu erinnern – und sich den schwierigen Fragen unserer Gegenwart zu stellen, meint Christine Richter.

Es bleibt wichtig, an das Glück der deutschen Einheit und den Mut der Menschen in der DDR damals zu erinnern – und sich den schwierigen Fragen unserer Gegenwart zu stellen, meint Christine Richter.

Foto: dpa/Reto Klar

Der Tag der Deutschen Einheit ist ein Glückstag, doch 32 Jahre nach der Wiedervereinigung sind die Unterschiede größer denn je.

Berlin.  Gefühlt ist es eine lange Zeit: Seit 32 Jahren ist Deutschland wieder ein Land, am 3. Oktober 1990 haben wir damals die Wiedervereinigung gefeiert, ich erinnere mich noch gut an den Abend jenes Tages vor dem Reichstag in Berlin.

Für mich war und ist dies bis heute ein Glückstag, war unsere Familie doch in Ost und West getrennt und hat viele Jahre unter dieser deutschen Teilung gelitten. 28 Jahre war Berlin zuvor durch eine Mauer geteilt, viele von uns haben es nicht für möglich gehalten, dass das DDR-Regime dann im November 1989 von mutigen Menschen gestürzt wurde, die Mauer fiel – und es schon ein Jahr später ein wieder vereintes Deutschland gab. Was für ein Glück!

Interaktiver Fotovergleich: Berlin mit und ohne Mauer

Stimmung zwischen Ost und West ist schlechter denn je

Heute, 32 Jahre später, ist die Stimmung zwischen Ost und West leider schlechter denn je. Schon in den vergangenen Jahren rückten die Fehler nach der Wiedervereinigung in den Vordergrund, wurden die Unterschiede zwischen Ost und West immer lauter thematisiert.

Die ostdeutsche Identität, sie wird auch von jüngeren Menschen, die nach dem Mauerfall geboren sind, in Abgrenzung zu den Westdeutschen betont und gesucht. In vielen Debatten geht es heute noch darum, dass die Westdeutschen, gerne auch als „Wessis“ tituliert, sich in Siegermentalität über die Ostdeutschen („Ossis“) gestellt hätten.

Dies, so heißt es auch in diesen Tagen, sehe man unter anderem daran, dass es in Führungsfunktionen in Wirtschaft, Politik oder Kultur immer noch mehrheitlich Westdeutsche gebe. Mit wenigen Ausnahmen, heißt es – womit dann wahrscheinlich die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und der frühere Bundespräsident Joachim Gauck gemeint sind. Auch interessant: Wolfgang Thierse im Generationen-Gespräch – „Abwehren und protestieren ist noch nicht die Lösung“

Zufriedenheit mit der Demokratie ist stark gesunken

Auch der neuste Bericht des Ostbeauftragten der Bundesregierung dokumentiert ein erschreckendes Bild: So ist die Zufriedenheit mit der Demokratie in Deutschland in den vergangenen Jahren bei den Menschen stark gesunken, in Ostdeutschland auf nur noch 39 Prozent. In Westdeutschland sind immerhin noch 59 Prozent der Menschen mit der Demokratie zufrieden. Und nur noch 32 Prozent der Menschen im Osten – und 42 Prozent im Westen – meinen, dass Politikern das Wohl des Landes wichtig sei.

So ist es wenig überraschend, aber ebenfalls alarmierend, dass die Zufriedenheit mit der Bundesregierung stark gesunken ist: Waren 2020 noch 53 Prozent der Deutschen mit ihr zufrieden, sind es heute nur noch 35 Prozent – im Osten sogar nur 26 Prozent.

Und obwohl es Deutschland nachweislich ein Sozialstaat ist, sagen – wahrscheinlich auch unter dem Eindruck der hohen Inflation und der Energiekrise – nur noch 23 Prozent der Ostdeutschen und auch nur 33 Prozent der Westdeutschen, es gehe in Deutschland sozial gerecht zu. All das sind Aussagen, die nicht nur die Politiker, sondern uns als Gesellschaft insgesamt beunruhigen müssen. Warum ist das so, müssen wir uns alle fragen – und Antworten darauf finden.

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Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) versprach blühende Landschaften

Im Jahr 1990 konnten wir uns wohl alle nicht vorstellen, was in 30, gar in 32 Jahren sein werde. Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) versprach den Ostdeutschen blühende Landschaften in fünf Jahren, was sich schnell als ein voreiliges Versprechen herausstellen sollte und viele Menschen enttäuscht und verbittert zurückließ.

Ich hatte – wohl auch aufgrund der persönlichen Sozialisation und Familiengeschichte – nicht damit gerechnet, dass die Unterschiede zwischen Ost und West als so schwerwiegend eingeschätzt wurden und bis heute werden, dass sie nicht als Bereicherung, sondern häufig in einen negativen Zusammenhang gesetzt werden und inzwischen immer stärker betont werden.

Auch die politische Entwicklung in Ostdeutschland hin zur rechten AfD – die nach der jüngsten Umfrage stärkste Partei in Ostdeutschland werden würde, würde jetzt ein neuer Bundestag gewählt – habe ich mir so nicht vorstellen können.

Wir müssen uns den schwierigen Fragen der Gegenwart stellen

Der heutige Tag der deutschen Einheit ist ein Feiertag, auch wenn viele Menschen angesichts von Ukraine-Krieg, einer hohen Inflation mit all ihren Folgen und der Energiekrise keinen Grund zum Feiern spüren. Doch es bleibt wichtig, an das Glück der deutschen Einheit und den Mut der Menschen in der DDR damals zu erinnern – und sich den schwierigen Fragen unserer Gegenwart zu stellen.