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Kommentar: Ein Frauentag in Zeiten von Putins Krieg

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Flucht aus der Ukraine: Verzweiflung und Hoffnung

Flucht aus der Ukraine: Verzweiflung und Hoffnung

Mehr als anderthalb Millionen Menschen sind laut der UNO in den vergangenen zehn Tagen vor den russischen Angriffen aus der Ukraine geflüchtet, unter anderem nach Polen und Rumänien. Bei ihnen mischen sich Verzweiflung und Hoffnung.

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Wer in die Gesichter der Frauen schaut, ahnt zumindest das Leid, das Putins Krieg über sie und ihre Familien gebracht hat.

Berlin. Es sind die Gesichter des Kriegs: die Frauen, die jüngeren und älteren Ukrainerinnen, die nach dem Angriff der russischen Armee auf ihre Heimat nun fliehen, die Frauen, die vor Putins Krieg in der Ukraine ganz allein flüchten, die Mütter, die mit ihren Kindern Schutz fern ihrer Heimat suchen, die Großmütter, die sich mit ihren Töchtern und Enkeln auf den Weg ins Ungewisse machen.

Hunderttausende Frauen sind auf der Flucht vor den Bomben, vor der Zerstörung, vor dem Tod, insgesamt sollen laut UN schon mehr als 1,5 Millionen Menschen aus der Ukraine geflohen sein – nach Polen, in die Slowakei, nach Ungarn oder nach Österreich und Deutschland. Sie haben in der Ukraine ihre Männer, ihre Freunde, oft auch ihre Eltern zurückgelassen. Wer in ihre Gesichter schaut, sieht, ahnt zumindest das Leid, das Putins Krieg über sie und ihre Familien gebracht hat.

Wir zeigen diese Frauen auf der Titelseite und stellen sie mit ihrer Geschichte in der Berliner Morgenpost vor, denn niemand könnte besser zum Ausdruck bringen, was er ist, dieser Frauentag im Jahr 2022. In den vergangenen Jahren wurde am Internationalen Frauentag, dem 8. März, für die Gleichstellung von Frauen, für gleiche Rechte, für gleiche Bezahlung, für gleiche Chancen im Beruf, für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, auch gegen sexuellen Missbrauch oder Machtmissbrauch demonstriert.

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Auch wir in Deutschland sind von „equal pay“ weit entfernt

Immer und immer wieder, denn nach wie vor gibt es viel Ungerechtigkeit, sind auch wir in Deutschland von „equal pay“ weit entfernt. In den vergangenen zwei Jahren, während der Corona-Pandemie, haben wir erlebt, wie durch Homeoffice und Homeschooling auf einmal alte Rollenmuster aufbrachen, wie Frauen wieder die Hauptlast in der Familie tragen mussten, während der Mann im Homeoffice bei der Videokonferenz nicht gestört werden durfte, dafür aber so hübsch aussah, auf den Werbefotos der Start-up-Firmen mit einem oder zwei Kinder auf dem Schoss und dem Laptop im Hintergrund.

Viel ist noch zu tun in unserer Gesellschaft. Der Frauentag, der seit drei Jahren in Berlin ein Feiertag ist, war bislang immer eine gute Gelegenheit auf all diese Fragen, auf die Benachteiligung von Frauen auch in Deutschland aufmerksam zu machen.

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Unsere Sorgen wirken dieses Jahr geradezu banal

Doch in diesem Jahr, da wirken unsere Sorgen um traditionelle Familienmuster oder Diskussionen über Gendersternchen angesichts des Angriffs auf die Ukraine geradezu banal. Wir sehen den russischen Präsidenten Wladimir Putin, der den Befehl zum Angriff auf die Ukraine gegeben hat, der die russischen Soldaten in den Tod schickt und jeden, der diesen Krieg als Krieg bezeichnet, mit hohen Strafen, mit Gefängnis bis zu 15 Jahren bedroht.

Wir sehen Putin, wie er sich an Tag zehn des Kriegs mit attraktiven Stewardessen der Fluglinie Aeroflot an einer großen Kaffeetafel versammelt und erklärt, die Wirtschaftssanktionen des Westens seien eine „Kriegserklärung“, die Frauen lächeln dazu – und man sieht es mit Grausen und hofft doch, dass all diese Frauen sich erheben und Putin und seinen Gefolgsleuten sagen: „Nein, nicht mit uns, es sind unsere Leben, es sind die Leben unserer Söhne, Brüder und Freunde, es sind die Leben unserer Nachbarn, unserer Familien und Freunde in der Ukraine.“

Wenn wir in Berlin einen freien Tag haben, einen Feiertag, weil wir am 8. März den Internationalen Frauentag begehen, dann sollten wir in die Gesichter dieser verzweifelten und mutigen Frauen schauen, die sich auf den Weg machen mussten, die ihre Heimat Ukraine verlassen mussten, um ihr und das Leben anderer zu retten. Die uns daran erinnern, dass Krieg ist in Europa, auch wenn wir selbst in Berlin geschützt und sicher sind. Und dass wir jetzt für ihren Schutz sorgen müssen.