Leitartikel

Darum sind die Corona-Maßnahmen zum Teil kontraproduktiv

Der Lockdown muss sein. Viele Corona-Auflagen sind jedoch schwer überprüfbar und damit kontraproduktiv, kommentiert Miguel Sanchez.

Merkel zu den Beschlüssen des Corona-Gipfels

"Die Maßnahmen, die wir heute beschlossen haben, sind einschneidend", erklärte Bundeskanzlerin Merkel nach den Beratungen mit den Regierungschefinnen und -chefs der Länder.

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Berlin. Der Sisyphos unserer Zeit wälzt zur Strafe nicht einen Felsblock den Berg hinauf, der jedes Mal ins Tal hinunter rollt. Er bekämpft Corona. Vor einem Monat, am 11. Dezember, lag der Inzidenzwert bei 156. So viele Menschen hatten sich – bezogen auf 100.000 Einwohner - in sieben Tagen angesteckt. Am Sonntag nun lag der Wert bei 162.

Falls sich die Infektionslage über die Feiertage verschärft hat, könnte die Zahl noch steigen – trotz Lockdowns, trotz eines Monats der Entbehrungen. Wenn Bund und Länder daran festhalten, den Inzidenzwert auf 50 zu drücken, sind wir - in diesem Modus und Tempo - Ostern am Ziel. Von 15 Wochen sprach zuletzt Kanzleramtschef Helge Braun.

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Nur Lockdown-Verlängerungen sind noch kalkulierbar

Das ist für die Bürger, die durchhalten sollen, ein Motivationskiller. Kalkulierbar waren zuletzt nur jeweils die Lockdown-Verlängerungen; die nächste und schärfere tritt nun in Kraft. Es heißt, erst bei 50 wäre eine Kontaktverfolgung möglich. Eine Senkung ist erstrebenswert. Aber warum versetzt man die Gesundheitsämter nicht mit mehr Personal in die Lage, Kontakte bei höheren Inzidenzen zu verfolgen? Warum verzichtet man wegen des Datenschutzes auf eine effizientere Warn-App? Es wäre vertretbar, den Datenschutz ausnahmsweise hinten anzustellen.

Es muss uns zu denken geben, dass Nachbarn wie Frankreich es mit strengsten Lockdowns nicht geschafft haben, den Inzidenzwert unter 50 zu drücken. Sobald ein Staat wie Irland Auflagen lockert, steigen die Zahlen. Es ist verstörend, wenn erste Epidemiologien zu Protokoll geben, dass Inzidenzen unter 100 selbst bei einem harten Lockdown schwer vorstellbar seien.

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Corona-Ziele müssen auch erreichbar sein

Die Frage nach den Erfolgsaussichten ist nicht trivial. Anstrengungen müssen sich lohnen. Ziele sollten glaubhaft und erreichbar seien. Dann verhalten sich die Menschen disziplinierter. Darüber hinaus ist es für die Akzeptanz wichtig, dass Auflagen verständlich, nachvollziehbar und kontrollierbar sind.

Nehmen wir die Regel, die private Zusammenkünfte im Kreis der Angehörigen des eigenen Hausstandes nur mit maximal einer weiteren nicht im Haushalt lebenden Person gestattet. Der Staat begrenzt nicht die Zahl der Kontakte am Arbeitsplatz, sehr wohl regelt er sie aber im Privaten. Diese Ein-Freund-Politik wird weder allgemeine Akzeptanz finden noch wirklich durchgesetzt werden, weil sie nicht überprüfbar ist; es sei denn, es schlägt die Stunde der Denunzianten.

Bestenfalls stichprobenartig kontrollierbar ist die Auflage in bestimmten Landkreisen, den Aktionsradius der Menschen auf 15 Kilometer zu begrenzen. Ähnliches gilt für die Zweitest-Strategie für Einreisende. Die EU-Grenzen sind offen. Das Risiko bei Einreise ohne Test erwischt zu werden, ist minimal: ein kalkulierbares Wagnis.

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Bestimmte Corona-Auflagen werden nicht eingehalten werden

Wenn die Maßnahmen nicht überzeugen und das Sanktionsrisiko gering ist, wird der Regelbruch zum Regelfall. Ein an sich inkonsequentes Grenzregime wird nicht dadurch überzeugender, dass man es perfektioniert. Der Lockdown ist richtig, aber einzelne Auflagen sind vergeblich.

Die größten Erfolgschancen hat eine Impfung. Je mehr Bürger sich impfen lassen und gute Erfahrungen machen, desto größer die Akzeptanz, so die Hoffnung. Ein Mitglied der Ethikkommission hat den Ausgangspunkt der Impfaktion mit den Pinguinen verglichen, die sich auf einem Eisberg drängen und auf das Meer schauen. Irgendwann springt der erste. Wenn er nicht zur Fressbeute wird, springen alle hinterher.

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