Kommentar

Im Kampf gegen das Coronavirus kommt es auf uns alle an

Ohne Eigenverantwortung ist der Kampf gegen Corona nicht zu gewinnen, kommentiert Jens Anker.

Foto: dpa/Reto Klar/BM Montage

Berlin. Keine Frage, die flächendeckend stark steigenden Infektionszahlen geben Anlass zu Sorge. Die Gesundheitsämter arbeiten seit Monaten am Limit, und die Nachverfolgung von Infektionsketten ist vielerorts schlichtweg nicht mehr möglich. Die Lage droht außer Kontrolle zu geraten – mit unabsehbaren Folgen. In dieser Situation suchen die Regierenden nach Lösungen, um einen zweiten Lockdown zu vermeiden, der wohl verheerende Folgen für die Wirtschaft und das soziale Miteinander nach sich ziehen würde. Doch durch das Wirrwarr der Gebote und Verbote droht die Akzeptanz in der Bevölkerung zu schwinden. Kaum jemand blickt noch durch, was wann erlaubt ist und was nicht.

Gerade erst hat Berlin eine Sperrstunde für die Gastronomie beschlossen, und schon wenige Tage später hebt das Verwaltungsgericht sie mit deutlichen Worten auf. Es sei nicht ersichtlich, dass diese Maßnahme zum Erfolg im Kampf gegen Corona beitrage, erklärten die Richter. Sie verweisen auf Informationen des Robert Koch-Instituts. Demnach gibt es keinen Hinweis darauf, dass die geregelte Gastronomie nennenswert zum Infektionsgeschehen beiträgt, sondern die Zunahme an Corona-Fällen wohl vor allem durch Familienfeiern und illegale Partys zustande kommt. Es bestehe kein Grund, die Gastwirte als Ganzes in ihrem Geschäft einzuschränken, so die Richter.

Zuvor hatten andere Gerichte aus gleichen Gründen das Beherbergungsverbot für Menschen aus Risikogebieten gekippt. Die mühsam in endlosen Verhandlungen erreichten Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie treffen also immer auch die Falschen. Aber Grundrechte einzuschränken, weil ein – kleiner –Teil der Bevölkerung sich nicht an die Regeln hält, ist unverhältnismäßig.

Es ist ja richtig, dass in Restaurants selten nächtliche Alkoholexzesse stattfinden, bei denen die Gäste sich nach dem Essen johlend in die Arme fallen und sich gegenseitig die Aerosole um die Ohren husten. In der Regel zahlt man und geht. So verhält es sich auch beim Reisen. Ein Ehepaar, das sich eine Ferienwohnung im Bayrischen Wald mietet, um wandern zu gehen, stellt keine Gefährdung der Einheimischen dar, die über das normale Maß hinausgeht.

Was also ist zu tun? Derzeit besteht kein Anlass zur Hoffnung, dass die Infektionszahlen in den kommenden Tagen wieder sinken. Im Gegenteil: Der Anstieg der vergangenen Tage lässt befürchten, dass schon bald die 10.000er-Marke an täglichen Neuinfektionen erreicht wird und die von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) für Weihnachten prognostizierten Zahlen von bis zu 20.000 neuen Corona-Fällen schon vor dem Fest erreicht werden.

Deshalb muss es darum gehen, die Infektionen gezielter als bislang zu verhindern und in der Nachverfolgung sich auf diejenigen zu konzentrieren, von denen eine breite Ansteckungsgefahr ausgeht. Am Ende wird es nicht ohne Eigenverantwortung funktionieren, denn die öffentliche Kontrolle findet vor den grundgesetzlich geschützten Schranken der Privatsphäre ihre Grenzen. Es ist illusorisch zu glauben, alle illegalen Partys aufspüren zu können. Oder für jede Familienfeier Wachpersonal abzustellen, um die Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln zu überprüfen. Vielmehr ist jeder Einzelne gefordert, sein Verhalten den Anforderungen anzupassen: Kontakte vermeiden, Hygiene einhalten und Rücksicht auf Risikogruppen nehmen.

Während der ersten Welle haben die Berliner gezeigt, dass man im Corona-Kampf auf sie zählen kann. Es besteht kein Grund daran zu zweifeln, dass sie es nicht erneut tun. Treten wir alle den Beweis an.