Leitartikel

Corona - Berlin hofft auf die Vernunft der Menschen

Der Senat will die Corona-Regeln noch nicht weiter verschärfen. Viel Zeit bleibt nicht, analysiert Christine Richter.

Christine Richter

Christine Richter

Es ist kein einfacher Weg: Der Berliner Senat hat in den vergangenen Tagen angesichts der massiv steigenden Corona-Infektionszahlen die Maßnahmen – wenn auch nach langem Ringen und zähem Widerstand von Grünen und Linken – schon verschärft, aber trotzdem nehmen die Infektionszahlen rasant zu. Berlin ist mit seinen knapp vier Millionen Einwohnern seit rund einer Woche Corona-Risikogebiet, inzwischen mit einer Inzidenz von 78,3 – das heißt mit mehr als 78 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen. Hier gelten die verschärften Maßnahmen, auf die sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten am Mittwoch nach stundenlangen Beratungen verständigt haben, also schon. Doch die Zahlen sinken nicht, sie steigen weiter. Was tun?

Viele Berliner stellen jetzt die Frage, ob man in der Stadt zu spät dran war. Hätte man diese Entwicklung verhindern können, wenn man die Partys in den Parks und Grünanlagen schneller unterbunden hätte? Hat man zu lange hingenommen, dass Familien ohne Abstand Geburtstage feiern, dass teilweise bis zu 500 Menschen bei Hochzeiten ausgelassen tanzen? Angesichts der guten Entwicklung im Sommer versteht man ja, dass die jungen Menschen ungeduldig wurden, dass es ihnen schwer fiel, Abstand zu halten, wenn die Nächte lau und die Corona-Zahlen niedrig waren. Doch die Sommerzeit ist vorbei, wir erleben gerade, wie die zweite Welle durch Europa schwappt. Mit großer Geschwindigkeit. In Deutschland gibt es innerhalb eines Tages mehr als 6600 Neuinfektionen, da braucht man kein Prophet zu sein, um den Kurvenverlauf vorherzusagen.

Alle Nachrichten zum Coronavirus in Berlin, Deutschland und der Welt: Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Coronavirus in Berlin haben wir hier für Sie zusammengetragen. In unserem Newsblog berichten wir über die aktuellen Corona-Entwicklungen in Berlin und Brandenburg. Die deutschlandweiten und internationalen Coronavirus-News können Sie hier lesen. Corona-Hotspots: Die 7-Tage-Inzidenz liegt in mehreren Bezirken und für ganz Berlin über dem kritischen Wert von 50. Hier erfahren Sie täglich die aktuellen Werte des RKI und der Senatsgesundheitsverwaltung. Einen Überblick über alle Corona-Risikogebiete in Deutschland bekommen Sie hier. Diese Regeln gelten für Corona-Hotspots in Deutschland. Zudem zeigen wir in einer interaktiven Karte, wie sich das Coronavirus in Berlin, Deutschland, Europa und der Welt ausbreitet.

Der Berliner Senat hofft auf die Vernunft der Menschen

Der Berliner Senat, so wurde am Donnerstag klar, hofft nach dem Krisengipfel im Kanzleramt auf die Vernunft der Menschen. Er will die Regeln noch nicht weiter verschärfen – und erst einmal abwarten. Die erweiterte Maskenpflicht, die in Corona-Risikogebieten dort verhängt werden soll, wo Menschen dicht zusammenkommen, gilt in den nächsten Tagen noch nicht. Der Senat wird wohl am Dienstag darüber beraten – und möglicherweise eine solche Maskenpflicht für Märkte beschließen. Die Sperrstunde für Bars und Restaurants bleibt auf 23 Uhr terminiert. Auch an den bislang verhängten Kontaktbeschränkungen wird nicht gerüttelt, rund 130 Ordnungsmitarbeiter der Parkraumüberwachung sollen jetzt bei den Kontrollen mithelfen.

Schaut man in die anderen europäischen Länder, ahnt man, was auf Deutschland zukommt, wenn wir alle uns nicht noch einmal einschränken und uns vernünftigerweise nicht in Gruppen treffen, keine Familienfeiern veranstalten oder ohne Maske die öffentlichen Verkehrsmittel benutzen. Fährt man in Berlin mit S-Bahn oder Tram, dann sieht man, dass das noch nicht jeder begriffen hat. Auch in und vor Bars in der Innenstadt kommen immer noch viele junge Menschen zusammen – ohne Abstand und Maske.

Dem Senat bleiben nicht mehr viele Möglichkeiten zur Eindämmung

Es komme auf jeden einzelnen an, appellierten die Bundeskanzlerin und die Ministerpräsidenten an die Menschen, auch der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) wandte sich am Donnerstag noch einmal eindringlich an die Berliner. Denn wenn sich das Verhalten der Berliner nicht ab sofort ändert, dann bleiben dem Senat nicht mehr viele Möglichkeiten zur Eindämmung der Pandemie. Eine Sperrstunde ab 21 Uhr? Oder gar eine Ausgangssperre wie in Paris von 21 bis sechs Uhr? Ein umfassender Lockdown für zwei oder drei Wochen wie kürzlich in Israel? Das können wir nicht wollen – aus sozialen und vor allem nicht aus wirtschaftlichen Gründen.

Also bleibt nur ein Weg: Schränken wir uns ein, halten wir uns an die Regeln. Ab sofort.