Leitartikel

Friedrichshain-Kreuzberg: Sonderweg ins Verhängnis

Friedrichshain-Kreuzberg will sich nicht von der Bundeswehr helfen lassen. Ein Fehler, findet Hajo Schumacher.

Faszinierend, was sich die vielen vernunftbegabten Bürgerinnen und Bürger in Friedrichshain-Kreuzberg von ihrer Bezirksregierung alles bieten lassen. Beim Kampf gegen den unrühmlichen Titel eines „Hotspots“ handelt es sich ja nicht um Sponti-Folklore, sondern um den Ernst des Lebens, und den des Sterbens womöglich auch. Wie kann man sich über die Trumps und Bolsonaros und alle anderen Corona-Chaoten aufregen, aber gleichzeitig dieselbe Ignoranz pflegen? Wirklich bitter: Der vernünftige Teil der Welt baut mühselig einen Damm und ein paar Berliner Kindsköpfe buddeln mit ihren Schippen immer wieder Löcher rein.

Es geht doch nicht darum, dass die Bundeswehr im Görlitzer Park einmarschiert, sondern einem in Teilen dysfunktionalen Bezirk beim Seuchenbekämpfen zu helfen, um ein linkes Ischgl zu verhindern. Und das wird höchste Zeit: Friedrichshain-Kreuzberg gehört zu den Top Ten der infizierten Gegenden in ganz Deutschland, was auch darauf hinweist, dass die angeblich funktionierende Rückverfolgung von Infektionen so ganz lückenlos wohl doch nicht klappt.

Dieses Rückverfolgen von Kontakten ist eine wirkungsvolle, aber sehr personalintensive Methode, um Menschen zu warnen und vor sich und anderen in Sicherheit zu bringen. Dabei helfen Soldaten, meist am Telefon und bisweilen anhand von Listen, in denen sich Scherzkekse als „Donald Duck“ oder „Che Guevara“ eingetragen haben.

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Das Trotzverhalten ist verantwortungslos

Ja, man kann Probleme mit der Bundeswehr haben, vor allem mit den rechten Umtrieben. Andererseits ist genau jetzt eine Ministerin im Amt, die Einheiten auflöst und Vorgesetzte abserviert. Das ist alles nicht genug, meinetwegen, aber: Wir hatten schon feigere Kräfte als Annegret Kramp-Karrenbauer im Verteidigungsministerium. Der Einsatz der Bundeswehr im Innern ist vom Grundgesetz mit Recht zur Ausnahme erklärt worden, bei Katastrophen zum Beispiel. Covid-19 ist eine Katastrophe. Zudem: Militarismus ablehnen, aber mit Stahlkugeln durch den Kiez ballern – das ist eine Weltsicht, für die man tief in seinem Tunnel stecken muss.

Das Erschreckende ist ja nicht der Mangel an Hirn – das kann passieren – , sondern die totale Abwesenheit von Empathie, dieser eiskalte egomanische Wohlstands-Stalinismus: Nein, Friedrichshain-Kreuzberg ist kein gallisches Dorf mit Palisadenzaun, der die Römer draußen hält, sondern verteilt ein sehr viel flexibleres Virus, das sich an Bürger heftet, durch den Bezirk, die Stadt, durch die ganze Welt.

Das Friedrichshain-Kreuzberger Trotzverhalten ist verantwortungslos gegenüber allen Menschen, die in Arztpraxen und Krankenhäusern jeden Tag um Virus-Patienten kämpfen, es ist verantwortungslos gegenüber Älteren und Risikopatienten im Kiez, es ist verantwortungslos gegenüber Eltern, die gar keinen Bock auf eine nächste Runde aus Homeoffice/Homeschooling haben, verantwortungslos gegenüber allen Ladenbetreibern und Menschen in Kurzarbeit.

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Die Haltung gibt vor allem die Linke vor

Es ist zu spüren, dass Monika Herrmann sich nicht wohl fühlt mit dieser Haltung, die vor allem die Linke vorgibt. Hat die scheidende Bezirksbürgermeisterin der Grünen vielleicht keine Lust, sich mit den Militanten anzulegen? Wie gut muss es einer Stadt, einem Land gehen, dass man sich solche Sozialexperimente leistet?

Die Europäische Union hat vergangene Woche einen Bericht über rechtsstaatliche Defizite in den europäischen Mitgliedsstaaten veröffentlicht. Wegen brutalstmöglicher Bürgerferne hätte der Bezirk Kreuzberg-Friedrichshain mit auf die Liste gehört.

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