Coronavirus

Berlin bleibt in der Corona-Krise besonnen

Der Ernst der Lage ist fast überall in Berlin erkannt, meint Jens Anker.

Berlin zeigt Charakter. Dieser Satz des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Michael Müller (SPD), beschreibt die derzeitige Situation treffend. In der Stadt, in der so Vieles nicht gelingen will, die sich allzu oft im Klein-Klein verliert und am Zuständigkeitshickhack der Verwaltung verzweifelt, ist innerhalb weniger Tage vollkommene Ruhe eingekehrt. Der überaus größte Teil der Menschen hält sich an die rigiden Einschränkungen des öffentlichen Lebens. Der Ernst der Lage ist in fast allen Ecken der Hauptstadt angekommen und erkannt.

Wer hätte vor zehn Tagen noch gedacht, dass so etwas in einer 3,7 Millionen Einwohner zählenden Metropole vorstellbar wäre? Aber in diesen Zeiten geht Vieles vor sich, was noch vor wenigen Tagen unvorstellbar erschien: Schulen und Kitas sind bis auf Weiteres geschlossen. Spielplätze, Restaurants, Bäder und Sportplätze ebenfalls. Das öffentliche Leben ist weitgehend erstarrt.

Berliner reagieren besonnen, abgesehen von ein paar Egoisten und Ignoranten

In dieser Situation reagieren die Berliner besonnen, sieht man einmal von den paar Egoisten und Ignoranten ab, die durch unnötige Hamsterkäufe die Allgemeinheit schädigen, oder diejenigen, die sich und andere durch ihr riskantes Verhalten gefährden. Das gibt Zuversicht für die kommenden Wochen, in denen die Einschränkungen wohl weiter gelten werden, und die kommenden Monate, in denen es gilt, das Berlin wieder aufleben zu lassen, für das es in der ganzen Welt bekannt ist: Weltoffenheit, Toleranz, Lebensfreude, Vielfältigkeit.

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Erfreulich ist, dass sich erste zarte Erfolge im Kampf gegen das Virus abzuzeichnen scheinen, wie der 7-Tage-Durchschnitt hoffen lässt. Die Zahl der Infizierten steigt weniger stark an als noch vor einer Woche – auch wenn die Zahl der registrierten Corona-Fälle angesichts der fehlenden flächendeckenden Tests noch nicht wirklich belastbar ist. Es wäre aber wichtig, dass nach Wochen der auf die Stadt niederprasselnden Horrornachrichten auch einmal eine positive Meldung zu registrieren wäre. Eine sich abflachende Corona-Kurve gehört sicherlich dazu. Das sich fast eine ganze Nation auf einmal für Virologie interessiert – auch das war vor ein paar Wochen noch unvorstellbar.

In der Krise ist Besonnenheit statt Aktionismus gefragt

In seiner bemerkenswerten Regierungserklärung hat Michael Müller den Spagat geschafft, noch einmal den Ernst der Lage zu verdeutlichen, aber gleichzeitig keine Untergangsszenarien zu verbreiten und vor Kriegsrhetorik zu warnen, zu der sich manch anderer Regierender hingerissen sieht. Oft wurde Müller – zu Recht – wegen seiner fehlenden Ausstrahlung kritisiert. In diesen Zeiten könnte genau das ihm zugutekommen: In der Krise ist weniger Kraftmeierei gefragt als kluges Handeln und Besonnenheit statt blindem Aktionismus. Mit seiner Ablehnung gegen eine strikte Ausgangssperre, die in einer Großstadt wie Berlin verheerende soziale Folgen haben würde, hat sich das genauso gezeigt, wie in seiner Ankündigung, den Alltagshelden in den Krankenhäusern, Supermärkten, Polizeirevieren, Bussen und Bahnen eine Prämie auszahlen zu wollen, um sie nicht nur zu loben, sondern auch spürbar für ihren Einsatz zu belohnen. Müller, der Sohn eines selbstständigen Druckers aus Tempelhof, kennt die Nöte der kleinen Leute.

Auch wenn noch überhaupt nicht abzusehen ist, wie lange die Krise anhält und welche Auswirkungen sie am Ende haben wird, so ist schon jetzt wichtig, jedes noch so kleine Fitzelchen an Optimismus festzuhalten und sich daran aufzurichten. Keine andere Stadt sollte dazu besser in der Lage sein als Berlin, das durch die Blockade elf Monate lang von der Außenwelt abgeschnitten und danach 28 Jahre lang getrennt war. Berlin hat gezeigt, wie sich existenzielle Krisen bewältigen lassen, viel mehr noch, wie daraus Stärke für kommende Herausforderungen entstehen kann. Es spricht nichts dagegen, dass das in diesem Fall auch so sein wird.