Kommentar

Der Pflegenotstand in der Charité kann tödlich sein

In der Charité fehlt Fachpersonal, ein Kind ist vermutlich deshalb gestorben. Es muss sich einiges ändern, findet Susanne Leinemann.

Foto: dpa/Reto Klar

Berlin. Ein krebskrankes Kind ist gestorben – womöglich auch, weil in der entscheidenden Nacht das Klinikbett auf der Spezialstation gefehlt hat. Zu wenig Personal. Noch sind die Umstände unklar, doch dass das Kinderkrebszentrum der Charité schon seit einiger Zeit massiv unter dem Pflegenotstand leidet, ist länger bekannt.

Im Dezember 2019 verfügte die Kinderonkologie für knapp zwei Wochen einen Aufnahmestopp für die kleinen Patienten. Warum? Von 50 Pflegestellen waren zehn unbesetzt, dazu kam ein erhöhter Krankenstand. „Es wäre fahrlässig gewesen, in solcher Situation dennoch Patienten aufzunehmen, ohne sie adäquat versorgen zu können“, erklärte der Personalratschef der Charité, Jörg Pawlowski. Aber nun zeigt sich mit dieser Tragödie möglicherweise: Es ist genauso fahrlässig, die Patienten nicht aufzunehmen.

Wir vertrauen unseren Kliniken, dass sie – zumindest wenn es ernst wird – für uns da sind. Doch wer zuletzt mal auf einer Kinderstation war, der erlebte eindringliche Szenen: Jedes Bett ist gefüllt, womöglich wird noch ein Zusatzbett an die Flurwand geschoben, damit ein weiterer Patient hineinpasst. Die Pflegekräfte hetzen von einem Fall zum nächsten. Werden die Fälle komplexer, dann bleibt kaum mehr Zeit. Da kann einem Angst und Bange werden.

„Das deutsche Gesundheitssystem hat ein ernsthaftes Problem“, sagt Steffen Krach, Berlines Staatssekretär für Wissenschaft und Forschung. Personalmangel sei nicht nur ein Thema in der Hauptstadt, sondern bundesweit. Die Charité und ihre Mitarbeiter leisteten hervorragende Arbeit, trotz des Mangels. Doch dann wird er deutlich: „Die Klinik muss gewährleisten, dass so drastische Situationen wie ein temporärer Aufnahmestopp in der Kinderonkologie im Dezember 2019 nicht mehr vorkommen.“ Der neue Charité-Chef Heyo Kroemer hat einen schweren Einstand – in diesen schwierigen Zeiten.

Anmerkung der Redaktion: Der "RBB" hat seine Berichterstattung korrigiert. Er verweist nun darauf, dass ein kausaler Zusammenhang des Todes mit der vorangegangenen Ablehnung nicht belegt sei.