Kommentar

Christian Lindner hat seine Autorität in der FDP verloren

Christian Lindner stand mal unter dem Verdacht der Hochbegabung. Nach zwei kapitalen Niederlagen ist klar: Das war ein Fehlurteil.

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Berlin. Ich habe Christian Lindner immer geschätzt, weniger für seine Politik als für seine Energie. Der FDP-Chef besetzte die Rolle des jugendlichen Aufmischers, der Widerrede anzog und genoss. In seinen guten Momenten verströmte er dieses unspezifisch frische Gefühl von Aufbruch wie einst ein Gerhard Schröder. Markenzeichen Hemdsärmel.

Wie fast alle Politiker, die gut reden können, stand auch der angenehm durchtrainierte Liberale unter dem Verdacht der Hochbegabung. Das war ein Fehlurteil. Lindner hat zwei kapitale Niederlagen erlebt, die seine aktuelle und etwaig künftige Macht zerbröseln lassen. Der Mann hat seine Autorität aufs Spiel gesetzt und verloren.

Lindner hatte Glück, dass er nicht vom Hof gejagt wurde

Fehler eins ist bekannt und nicht verziehen: Der FDP-Chef klinkte sich aus den schwarzgelbgrünen Koalitionsverhandlungen aus und ließ die Macht liegen. Die Angst, von der Kanzlerin verfrühstückt zu werden wie einst Westerwelle und Rösler, saß traumatisch tief. Politik ist aber kein Geschäft für Traumatisierte, wie Horst Seehofer oder Martin Schulz wissen.

Lindner konnte von Glück reden, dass er mangels Personal nicht vom Hof gejagt wurde. Ein starker Steuermann wie Wolfgang Kubicki kommt mit einem angeschlagenen Kapitän ganz gut klar. Seit zwei Jahren steht Lindner nun zu Recht unter Beobachtung der ganzen Republik, die sich fragt: Kann er Macht?

Die FDP ist die Partei der Opportunisten

Seit Mittwoch kennen wir die Antwort: Nein, kann er nicht. Egal, ob der thüringische Zufallschef Kemmerich mit Wissen des FDP-Chefs handelte, als er sich zur Wahl des Ministerpräsidenten meldete, oder auf eigene Faust – in beiden Fällen ist dem Parteianführer wieder was Großes aus dem Ruder gelaufen. Das Signal an die verbliebenen Mitglieder lautet: Hier macht jeder, was er will. Die FDP ist eben doch nicht Partei der Startups, sondern die der Opportunisten.

Dass ein Rücktritt gerade bei in politischem Jugendalter eine harte aber faire Option sein kann, weil ein Comeback mehr als möglich ist, haben Cem Özdemir oder Gregor Gysi bewiesen. Problem: Auch hier zaudert Lindner. Das wäre sein dritter und letzter Fehler.