Kommentar

Autos verbannen? Berlin setzt das um, was viele Städte tun

Die Verkehrswende benötigt allerdings grundsätzliches Umdenken bei allen Verkehrsteilnehmern, meint Jens Anker.

Los Angeles und andere Weltstädte verfolgen ähnliche Pläne wie Berlins Verkehrssenatorin, meint Jens Anker.

Los Angeles und andere Weltstädte verfolgen ähnliche Pläne wie Berlins Verkehrssenatorin, meint Jens Anker.

Foto: dpa/Silas Stein; Maurizio Gambarini (Montage)

Berlin. In Berlin sind aktuell 1,2 Millionen private Autos angemeldet. Vor zehn Jahren waren es noch 100.000 weniger. Die Zahl der Einwohner hat sich im gleichen Zeitraum von 3,4 auf 3,7 Millionen erhöht. 300.000 Menschen mehr verursachen entsprechend mehr Verkehr. Die Zahl der Pendler ist ebenfalls kontinuierlich gestiegen. 350.000 Menschen machen sich jeden Werktag aus dem Umland auf den Weg nach Berlin. Gleichzeitig steigt der Anteil des Online-Handels rasant an. Die Deutschen kauften im vergangenen Jahr für insgesamt 58 Milliarden Euro im Internet ein und verursachten dadurch enormen Lieferverkehr. Derzeit ist nicht absehbar, dass sich an dieser Entwicklung etwas ändert. Der Verkehr in der Hauptstadt steht vor dem Kollaps.

Das ist kein Berliner Alleinstellungsmerkmal. Überall auf der Welt wird darüber nachgedacht, wie Verkehrsströme gelenkt werden können. Darüber hinaus werden Politiker von der Klima-Diskussion getrieben. Zwar sind die Ziele eindeutig formuliert, über den Weg wird aber heftig gestritten. In Deutschland hat man sich um konkrete Lösungen lange gedrückt. Aber nichts zu tun, führt nur zu einer noch rasanteren Fahrt in den Dauerstau und einer weiteren Belastung vor allem der Stadtbewohner mit schädlichem Kohlendioxid, Stickstoff und Feinstaub.

Berlins Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne) hat nun das Ziel ausgerufen, ab 2030 in der Innenstadt alle Verbrennungsmotoren zu verbieten – und erntet dafür viel Kritik. Dabei hat sie nur das laut ausgesprochen, was Berlin längst zugesagt hat. Die Bürgermeister von 40 Städten, darunter Paris, London, Los Angeles, Moskau und Warschau, haben sich im vergangenen Jahr genau zu diesen Zielen bekannt: Ab 2025 werden keine Verbrenner mehr für die Fuhrparks angeschafft, ab 2030 gelten dann generelle Fahrverbote für große Teile der Städte („major areas“). Auch Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) hat unterschrieben.

Berlin befindet sich also in einer illustren Gesellschaft von Städten, die in dieser Frage vorankommen wollen. Allerdings sind andere Städte schon weiter. Im britischen Oxford gilt das Verbot schon ab 2025, Oslo und Brüssel wollen alle Autos aus der Innenstadt verbannen. Bordeauxs City ist schon seit zehn Jahren weitgehend autofrei. In der Verkehrsforschung setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass der motorisierte Individualverkehr aus den Städten gedrängt werden muss, um die Mobilität der Zukunft garantieren zu können. Es bleiben also zehn Jahre lang Zeit, für das Gelingen der Verkehrswende in Berlin.

Der öffentliche Nahverkehr muss ausgebaut werden

Damit sie Erfolg hat, müssen Alternativen geschaffen werden. Dazu zählt zuallererst der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs. Erste Schritte sind gemacht. 1500 neue U-Bahnwagen sind in Planung, 382 S-Bahn-Triebzüge bestellt. Ab 2021 beginnt die Auslieferung. Bestehende S-Bahn- und U-Bahnlinien müssen verlängert, neue Busse und Buslinien angeschafft werden. Angesichts dieser Herausforderung erscheinen zehn Jahre Zeit wie ein Augenblick.

Viel wird auch von der Autoindustrie abhängen. Zwar bieten alle Anbieter inzwischen abgasfreundliche E-Autos an, die für Normalverdiener allerdings nicht zu bezahlen sind. Aber der Druck steigt. Gerade erst hat der weltgrößte Vermögensverwalter „Blackrock“ angekündigt, sich künftig nur noch in Unternehmen zu engagieren, deren Geschäftsmodell nicht auf fossilen Brennstoffen fußt und die die Nachhaltigkeit ihres Handelns im Blick haben.

Eine erstaunliche Nachricht, steht doch das Zwei-Billionen-Dollar schwere Unternehmen nicht im Verdacht, von jungen Klima-Aktivisten geführt zu werden. Die Gesellschaft ist weiter, als viele derzeit noch denken.