Kommentar

Berlin braucht mehr Gefühl für Stadtgeschichte

Die Schließung des Gleimtunnels setzt für Berlin ein falsches Signal, sagt Thomas Schubert.

In Berlin braucht es mehr Feingefühl für die Stadtgeschichte, sagt Thomas Schubert.

In Berlin braucht es mehr Feingefühl für die Stadtgeschichte, sagt Thomas Schubert.

Foto: Thomas Schubert/Reto Klar

Berlin. Am Schreibtisch einer Straßenverkehrsbehörde mag es so aussehen wie eine gute Lösung. Wenn Geisterfahrer einen Tunnel befahren, sperrt man den Tunnel eben zu. Aber die Passage, um die es geht, ist der Gleimtunnel. Und dessen Schließung war einmal ein Symbol der Berliner Teilung. 30 Jahre nach dem Mauerfall ist diese Durchfahrt zwischen dem Osten und Westen Berlins für Autos wieder voll gesperrt – zwölf Monate am Stück. Und eine Öffnung ist nicht Sicht. Es fand sich keine andere Lösung, mit der das Bezirksamt Pankow, die Verkehrslenkung Berlin und die Polizei verhindern konnten, dass Geisterfahrer die Einbahnstraßenregelung im Tunnel während der Bauarbeiten der Berliner Wasserbetriebe missachten.

Diese Maßnahme hat den gewünschten Effekt. Doch sie hat auch einen doppelten Boden: Dem Verwaltungshandeln fehlt zu oft der Sinn für die Außenwirkung und für die historische Symbolkraft, die Entscheidungen in der einst geteilten Stadt haben. An diesem neuralgischen Punkt der Stadtgeschichte ist es problematisch, die Durchfahrt zu stoppen.

In Berlin geschieht es zu selten, dass jemand solche Effekte bedenkt oder stoppt, noch bevor sie eintreten. So geschehen an der East Side Gallery, wo ein Hotel auf dem einstigen Todesstreifen gebaut wird, am Checkpoint Charlie, wo das Bezirksamt die Soldaten-Schauspieler, die Touristen Geld abnahmen, erst nach vielen Jahren stoppte. Vor der Gedächtniskirche, einem Mahnmal für den Frieden, versucht man jetzt immerhin, eine Alternative zur Schutzausstattung eines Truppenübungsplatzes zu finden. Anzeichen für einen Bewusstseinswandel sind also vorhanden. In Wattenscheid mag die Sache anders sein. Aber in Berlin braucht es selbst bei einer Straßensperrung Feingefühl für die oftmals dunkle Stadtgeschichte.