Kommentar

Instagram-Affäre um Gündogan – Etwas mehr Augenmaß, bitte!

Dass DFB-Coach Joachim Löw versucht, Ilkay Gündogans unangebrachten Instagram-Like zu verharmlosen, ist nicht richtig, meint Jörn Lange.

Ilkay Gündogan (r.) nach dem 3:0 gegen Estland mit Joachim Löw.

Ilkay Gündogan (r.) nach dem 3:0 gegen Estland mit Joachim Löw.

Foto: Federico Gambarini / dpa

Der Satz des Bundestrainers war schon bemerkenswert. „Ilkay“, hatte Joachim Löw nach dem 3:0 der deutschen Nationalmannschaft in Estland gesagt, „hat das beste Statement auf dem Platz gegeben.“ Gemessen an Ilkay Gündogans jüngsten Statements in den sozialen Medien war das sicher recht zutreffend. Doch Löws Aussage war eine andere.

Auch in einigen Medien war am Tag nach dem Estland-Spiel die Rede davon, dass der Mittelfeldspieler die Antwort auf das Aufreger-Thema Salut-Foto „mit den Füßen gegeben“ habe. Was die Frage nach der mathematisch-logischen Formel hinter diesem Gedankengang aufwirft. Zwei Tore und eine Vorlage egalisieren einen kriegsbefürwortenden Social-Media-Klick? Oder doch nur ein gedankenloses „Like“ an falscher Stelle?

So oder so darf man sich über diese kruden Gleichungen wundern. Denn wenn man ehrlich ist, hat das Verhalten neben dem Platz reichlich wenig mit den Leistungen auf dem Rasen zu tun. Stattdessen dürfte sich der zurückgetretene Nationalspieler Mesut Özil bestätigt fühlen, der im DFB-Katastrophen-Sommer 2018 ein gängiges Muster beklagt hatte: Solange der Deutsch-Türke gut kickt, ist eh alles in Ordnung, aber wehe, wenn nicht. Tatsächlich mag man sich kaum ausmalen, wie sich das Echo in der aktuellen Debatte verstärkt hätte, wenn nicht nur der ebenfalls involvierte Emre Can vom Platz geflogen wäre, sondern auch Gündogan einen rabenschwarzen Tag erwischt hätte …

DFB-Akteure können sich nicht von Fehlverhalten freispielen

Ein Nationalspieler, der abseits des Platzes inakzeptables Verhalten an den Tag legt, kann sich nicht mit Gala-Vorstellungen „freispielen“. Sehr wohl kann man aber die Frage stellen, welche Maßstäbe für DFB-Akteure gelten sollten. Und hier darf man spätestens seit der Özil-Affäre und insbesondere von Gündogan erwarten, dass ein 28 Jahre alter, international erfahrener Profi mit über zweieinhalb Millionen Followern zweimal nachdenkt, ehe er seine virtuellen Herzchen im globalen Dorf verteilt. Wenn sich Gündogan nun darüber wundert, „was heutzutage für Geschichten geschrieben“ werden, macht das ähnlich stutzig wie der eingangs erwähnte Satz von Löw – und ist mindestens naiv.

Das Handeln des Deutsch-Türken zu verharmlosen, so wie es der Bundestrainer und DFB-Direktor Oliver Bierhoff zunächst versucht haben, war genauso unangebracht wie zuvor der boulevardeske Empörungsreflex, die Angelegenheit zur mittelschweren Staatsaffäre aufzublasen. Dass die DFB-Verantwortlichen ihre Spieler schützen wollen, ist zwar aus menschlicher Sicht nachvollziehbar, aber ein wenig mehr Ehrlichkeit – so, wie sie Bierhoff erst am Montag nachreichte – hätte der Diskussion nicht geschadet. Gutes Krisenmanagement geht anders.