Kommentar

Vor aller Augen kippt die Stimmung in Kreuzberg

In Kreuzberg fühlen sich die Bürger von der Politik allein gelassen. Der Senat muss das Problem in den Griff bekommen.

Vom ungeschliffenen Flair West-Berlins ist in Kreuzberg längst nichts mehr zu spüren, findet Patrick Goldstein.

Vom ungeschliffenen Flair West-Berlins ist in Kreuzberg längst nichts mehr zu spüren, findet Patrick Goldstein.

Foto: bm

Wohnungsnot, die jeden erwischen kann, ein Senat, der nicht die geeigneten Mittel findet, um das Problem in den Griff zu bekommen und Bürger, die sich in dieser großen Sorge von der Politik allein gelassen fühlen - ein gefährlicher Mix war das, im West-Berlin der späten 70er-Jahre.

Schöneberg und vor allem Kreuzberg wurden zu Austragungsorten schwerer Auseinandersetzungen der Polizei mit jenen, die sich kaltschnäuzig genommen hatten, was sie brauchten.

Die Jahre der Hausbesetzungen haben Berlin bis heute geprägt. Sanierung statt Abriss ist eine Selbstverständlichkeit. Jene Gründerzeitbauten, die vor Jahrzehnten Platz für Neubauten machen sollten, sind heute die auch rund um die Oranienstraße unübersehbaren städtebaulichen Schmuckstücke der Stadt.

Da wirkt es auf Anwohner wie Hohn, dass die damals Spekulanten abgetrotzten Häuser jetzt zu neuerlich heiß umkämpften Adressen geworden sind. Wo bei den Maiausschreitungen 2002 ein Discounter geplündert wurde, befindet sich jetzt ein Nobelhotel mit hipsterbärtigem Manager und Blick auf den Oranienplatz. Eine Vertreterin der kämpferischen Gewerbevertreter Ora Nostra nennt das „Ghetto-Watching für Reiche“.

Vor aller Augen kippt die Stimmung im Kiez. Die selbe Enttäuschung hört, wer mit den Bewohnern der Bergmannstraße in Kreuzberg 61 spricht. Vom ungeschliffenen Flair West-Berlins wie an der Oranienstraße ist dort allerdings längst nichts mehr zu spüren.