Leitartikel

Tag der Deutschen Einheit - ein wirklicher Feiertag

Warum der Tag der Deutschen Einheit ein Tag der Freude und des Dankes in Ost und West bleibt, sagt Jochim Stoltenberg.

Wir sollten dankbar bleiben für dieses historische Geschenk, sagt Jochim Stoltenberg.

Wir sollten dankbar bleiben für dieses historische Geschenk, sagt Jochim Stoltenberg.

Foto: Jochim Stoltenberg. / dpa/Frank Lehmann

Berlin. Die Halbwertzeit politischer Prognosen ist von meist kurzer Dauer. Im September 1988, also gut ein Jahr vor dem Fall der Mauer, sprach Willy Brandt von der Wiedervereinigung als der Lebenslüge der zweiten deutschen Republik. Im November 1989 verkündete er dann die mittlerweile wie in Marmor gemeißelte Einsicht: Nun wächst zusammen, was zusammengehört. Leider bröckelt auch diese frohe Botschaft schon wieder. Wenn wir morgen den Tag der Deutschen Einheit feiern, wird nicht überall dankbar und frohen Mutes dessen gedacht und gewürdigt, was vor 30 Jahren begann und ein Jahr später vollendet wurde.

Warum können wir Deutschen uns nicht einmal von Herzen freuen über das, was uns die Gunst der weltpolitischen Lage und letztlich der Mut vieler Menschen im unfreien Teil Deutschlands geschenkt haben? Im Verlauf des Einigungsprozesses hat sich nicht alles zur Zufriedenheit aller entwickelt hat. Das kann nicht überraschen angesichts des einmaligen Experiments, zwei systemisch unterschiedliche Gesellschafts- und Wirtschaftsordnungen zu einer Einheit in Freiheit zusammenzufügen.

Das ist ja auch in vielen Bereichen weit besser gelungen, als neuerdings immer wieder suggeriert wird. Mit ihren persönlichen wirtschaftlichen Verhältnissen ist, wie Umfragen bestätigen, die große Mehrheit der Menschen in den neuen Ländern ebenso zufrieden wie mit der demokratischen Ordnung, nach der sich so viele gesehnt hatten.

In diesen Tagen vor 30 Jahren flüchteten nicht nur Tausende DDR-Bürger über Ungarn und die Prager Botschaft in ein selbstbestimmtes Leben. Am 31. Oktober 1989 gestand Gerhard Schürer, Chef der Staatlichen Plankommission im Politbüro der SED ein, dass die DDR unmittelbar vor der Zahlungsunfähigkeit und damit vor dem Bankrott stehe. Daran sollten sich all diejenigen erinnern, die heute von der Kolonisierung durch Glücksritter aus dem Westen schwadronieren. Die hat’s auch gegeben. Aber sie waren wahrlich nicht dominant.

Und das angeblich verbreitete Gefühl, nur Bürger zweiter Klasse zu sein? Das haben lange Gregor Gysi und dessen sozialistische Nachfolgepartei propagiert, mittlerweile macht es die AfD. Dieses Gefühl hat mehr mit dem Wegzug junger Menschen und folglich Überalterung in bestimmten Regionen zu tun. Sind die Menschen im östlichen Teil Deutschlands wirklich Bürger zweiter Klasse? Also ähnlich benachteiligt wie viele Muslime in Deutschland? Das kann doch glaubhaft keiner behaupten.

Wir müssen auch an diesem Tag der Deutschen Einheit konstatieren, dass nicht alle Erwartungen erfüllt sind, dass mit viel Geld zwar sehr viel erreicht worden ist, aber finanzielle Transfers allein Menschen nicht unbedingt gefühlsmäßig mitnehmen.

All diese Einsichten, zu denen auch gehört, dass 40 Jahre Sozialismus bei vielen Menschen tiefere Spuren hinterlassen haben, als im Westen vermutet, werfen keine allzu lange Schatten auf diesen Feiertag aller Deutschen. Wir sollten dankbar bleiben für dieses historische Geschenk. Auch für das von uns gemeinsam Erreichte. Und die ewig Unzufriedenen haben am 3. Oktober Gelegenheit, einmal darüber nachzusinnen, welche Alternative es gegeben hätte.

Deutschland ist seit bald 30 Jahren wieder eins. Ist es da nicht endlich auch an der Zeit, nicht länger pauschal von Ostdeutschland zu reden? Wir leben in einem Land. Und jenseits der Elbe haben die Sachsen mit den Mecklenburgern und Brandenburgern so wenig gemein wie westlich die Bayern mit den Friesen oder Holsteinern. Unser Nationalfeiertag ist doch mit Bedacht „Tag der Deutschen Einheit“ benannt.