Kommentar

Berlins Bonsai-Stadtwerk wird langsam erwachsen

Das Energie-Unternehmen bezieht eigene Büros und kann erste Erfolge vorwiesen. Es müssen aber noch mehr werden, meint Joachim Fahrun.

Joachim Fahrun berichtet über Berliner Landespolitik.

Joachim Fahrun berichtet über Berliner Landespolitik.

Foto: bm / BM

Berlin. Wenn ein Kind groß geworden ist, zieht es aus. Die Eltern dürfen zwar noch regelmäßig Geld überweisen, aber eigene Räume bringen zwangsläufig eine Abnabelung und Entwicklungsmöglichkeiten mit sich. So gesehen war es ein großer Schritt, den Berlins Stadtwerk fast sechs Jahre nach seiner Gründung, getan hat. Mit 40 Mitarbeitern bezog die Tochter der Berliner Wasserbetriebe jetzt am Köllnischen Park in Mitte eigene Büros. Die Atmosphäre solle „start-upig“ sein, sagte die gut gelaunte Geschäftsführerin Kerstin Busch diese Woche beim „Housewarming“. Der obligatorische Kicker steht schon auf dem Flur.

Berlins Stadtwerke? Viele werden sich fragen, was das eigentlich ist. In anderen Städten sind die kommunalen Allzweck-Unternehmen milliardenschwere Akteure mit prachtvollen Firmensitzen. Sie betreiben Nahverkehr, Kraftwerke, Schwimmbäder, Energienetze, sponsern örtliche Sportvereine. Berlin hat ein Start-up. Die Aufgaben, die anderswo unter einem Dach vereint sind, erbringen in Berlin andere Unternehmen, von denen einige nach den Verkäufen der 90er-Jahre auch in privater Hand sind.

600.000 Unterstützer beim Volksentscheid

2013 schlug die Geburtsstunde des neuen Sprosses in der Familie der Landesbetriebe. Die Bürger waren massiv daran beteiligt. Damals gab es einen Volksentscheid zum Thema Energie. Der verfehlte nur knapp das gesetzlich vorgeschriebene Quorum, fand aber gleichwohl 600.000 Unterstützer. Neben der Rekommunalisierung der Energienetze, um die bis heute gerungen wird, stand auch die Gründung eines Stadtwerkes als Treiber der Energiewende auf dem Wunschzettel. Um der Initiative den Wind aus den Segeln zu nehmen, beschloss die SPD/CDU-Koalition kurz vor der Volksabstimmung, ein Stadtwerk aufzubauen.

Das Kind wurde in die starken Arme der Berliner Wasserbetriebe gelegt. Als aber die damalige Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer (CDU) den Wasserbetriebe-Chef Jörg Simon über das Ansinnen des Senats per Telefon informierte, konnte sie ihm kaum mehr Details mitgeben als den Wunsch, ins Energiegeschäft einzusteigen. Drei Jahre lag das Stadtwerk jedoch an der Kette. Geld gab es wenig, Stromhandel war ihm untersagt. Viele in der Stadt spotteten über das sinnlose „Bonsai-Stadtwerk“.

Das Stadtwerk ist mit 100 Millionen Euro Eigenkapital üppig ausgestattet

Laufen lernte der Neuling 2016, als die Grünen in die Regierung einzogen. Mit 100 Millionen Euro Eigenkapital für Investitionen wurde das Stadtwerk trotz Bedenken der Opposition üppig ausgestattet. Seitdem ist die Firma wirklich handlungsfähig, hat aber gerade mal ein Drittel des Geldes abgerufen. Der Beitrag zum Klimaschutz ist noch ziemlich übersichtlich.

Dabei sind die 13.000 Kunden für den regional erzeugten Öko-Strom bei Weitem nicht der wichtigste Faktor. Die Stadtwerke erzeugen inzwischen mit eigenen Windrädern in Brandenburg und Solaranlagen auf Berliner Dächern Strom für bis zu 40.000 Kunden. Ein Windpark mit neun Rädern ist im Bau. Von den neuen Photovoltaik-Anlagen in Berlin baut der kommunale Anbieter die Hälfte. Es soll mehr werden. Um die politischen Vorgaben der rot-rot-grünen Koalition für die Energiewende zu schaffen, müssten jährlich Solarzellen in der Größe von 100 Fußballfeldern hinzukommen. Derzeit sind es gerade mal zehn.

Die Manager hoffen, dass die jüngsten Kooperationen mit Bezirksämtern und der landeseigenen Immobiliengesellschaft BIM für einen Quantensprung sorgen, auch bei der wirklich klimarelevanten energetischen Sanierung öffentlicher Gebäude. Seit den Fridays-for-Future-Demonstrationen wolle jeder beim Klimaschutz mitmachen, stellt die grüne Wirtschaftssenatorin Ramona Pop fest. Um aus dem Bonsai-Status herauszukommen, werben die Stadtwerke auch bei den Schülerprotesten für sich in der Hoffnung, dass die Kinder den Eltern zu Hause Druck machen. Das neue Domizil bietet jedenfalls noch Platz für Wachstum. Das Mutterunternehmen Wasserbetriebe ist bei seiner Tochter nur Untermieter.