Leitartikel

Die Vorbilder sind rar

Volker Kähne diente Berlin mit ganzem Herzen. Politiker sollten sich an ihm ein Beispiel nehmen, meint Christine Richter.

Volker Kähne habe sich um Berlin und die Berliner verdient gemacht, er habe „im allerbesten Sinne des Wortes gedient“, sagte der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) in dieser Woche. Ein Maßstab, der für jeden Berliner Politiker gelten sollte. Gelten muss, meint Christine Richter.

Volker Kähne habe sich um Berlin und die Berliner verdient gemacht, er habe „im allerbesten Sinne des Wortes gedient“, sagte der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) in dieser Woche. Ein Maßstab, der für jeden Berliner Politiker gelten sollte. Gelten muss, meint Christine Richter.

Foto: pa/Reto Klar

Berlin. Ich bin traurig: Volker Kähne ist, wie in dieser Woche bekannt wurde, im Alter von 78 Jahren gestorben. Von 1991 bis 2001, also zehn Jahre lang, war Kähne Staatssekretär in Berlin und leitete für den damaligen Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU) die Senatskanzlei. Er war einer der politisch Verantwortlichen in Berlin, die ich zu Beginn meiner journalistischen Laufbahn kennenlernte – und vor allem schätzen lernte.

Ich traf ihn, den CdS, wie man im politischen Berlin sagt, also den Chef der Senatskanzlei, Anfang der 90er-Jahre erstmals. Als ich begann, über Landespolitik zu berichten, mich mit der großen Koalition unter Diepgen, den Herausforderungen beim Zusammenwachsen von Ost und West zu beschäftigen. Als CdS wusste Kähne über alle Vorgänge in Berlin Bescheid. Er war stets loyal, kenntnisreich, klug, ja, bescheiden auch in seinem Auftritt und humorvoll. Nie hätte er über Diepgen oder die anderen Regierungsvertreter ein böses Wort verloren, nie war er verlogen oder auch, wie so viele in der heutigen Zeit, populistisch unterwegs.

Er, der Jurist und frühere Oberstaatsanwalt, half einem – mir, der Journalistin –, wenn ich Sachfragen hatte, erklärte und blieb doch immer im Hintergrund. Er hatte ein gutes Gefühl für politische Entwicklungen, die ja in diesen ersten Jahren im wiedervereinten Berlin nicht ausbleiben konnten. Was gab es alles zu entscheiden – von einheitlichen Tarifen in Ost und West, Investitionen in die Infrastruktur bis zum Versuch einer Länderfusion von Berlin und Brandenburg, für die sich Kähne – gemeinsam mit dem brandenburgischen Staatskanzleichef Jürgen Linde – leidenschaftlich einsetzte.

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In der Traueranzeige, die Diepgen und andere veröffentlichten, hieß es: „Wir werden ihn als einen liebenswürdigen Kollegen und vorbildlichen preußischen Beamten in Erinnerung behalten (obwohl er aus Thüringen stammte).“ Ich weiß nicht, wie wichtig Kähne die Thüringer Vergangenheit war, ich habe ihn immer als einen wahrgenommen, der Berlin mit ganzem Herzen und ganzer Seele diente – und Berlin liebte. Und ja, ein Vorbild war und ist.

Er könnte auch Vorbild für den rot-rot-grünen Senat sein. Und für all die anderen Politiker, die in diesen Tagen die Diskussionen bestimmen. Wie für Annegret Kramp-Karrenbauer, die sagte, sie werde nicht in Merkels Kabinett gehen, weil die CDU ihre ganze Aufmerksamkeit erfordere, - und dann Verteidigungsministerin wurde. Oder für Olaf Scholz, der sagte, er werde nicht als SPD-Vorsitzender antreten, weil er als Finanzminister und Vizekanzler dafür keine Zeit habe, - und nun doch eine Kandidatur erwägt.

Oder für den Stadtrat aus Friedrichshain-Kreuzberg, Florian Schmidt (Grüne), der erklärte, für den Häuserkauf durch die Genossenschaft „Diese eG“ gebe es Finanzierungszusagen vom Land Berlin und von der Investitionsbank Berlin (IBB) – bis sich wenige Tage später auf Nachfragen beim Finanzsenator und der IBB herausstellte, dass es diese mitnichten gibt. Oder für Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD), die sagt, es gebe keine Bildungskrise in Berlin, und es klaglos hinnimmt, dass Berlin im jüngsten Bildungsmonitoring schon wieder den letzten Platz unter allen Bundesländern belegt, die es fast wie einen Erfolg feiert, dass nur knapp 10.000 Schulplätze im Jahr 2021 in Berlin fehlen, obwohl es in einem Bericht aus ihrer Verwaltung zuvor hieß, es gebe eine Lücke von rund 26.000 Plätzen.

Volker Kähne habe sich um Berlin und die Berliner verdient gemacht, er habe „im allerbesten Sinne des Wortes gedient“, sagte der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) in dieser Woche. Ein Maßstab, der für jeden Berliner Politiker gelten sollte. Gelten muss.