Gastkommentar

Otto Suhr: Erinnerung an einen Verfechter der Freiheit

Parlamentspräsident Ralf Wieland erinnert an den einstigen Regierenden Bürgermeister Otto Suhr.

Der Regierende Bürgermeister Otto Suhr im Jahr 1955 als „Wurstmaxe“

Der Regierende Bürgermeister Otto Suhr im Jahr 1955 als „Wurstmaxe“

Foto: Harry Croner / Stiftung Stadtmuseum

Etliche Berliner Politikerinnen und Politiker waren keine ,waschechten‘ Berliner. So auch Otto Suhr (1894–1957), der Stadtverordnetenvorsteher, der Präsident des Abgeordnetenhauses und der Regierende Bürgermeister von Berlin. Geboren wurde er im niedersächsischen Oldenburg. Das ist heute auf den Tag 125 Jahre her. Ein guter Anlass, an ihn zu erinnern. Ich möchte vor allem sein Wirken im Nachkriegs-Berlin in den Blick nehmen. Es war die Zeit, als der junge Prozess der Demokratisierung in der Stadt am stärksten bedroht war.

Otto Suhr war nach 1945 neben Franz Neumann und Ernst Reuter einer der profiliertesten Berliner Sozialdemokraten. Ausdruck fand dies in dem Vertrauen, das ihm die Berliner Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten entgegenbrachten. Sie nominierten ihn für die höchsten Ämter, die diese Stadt zu vergeben hatte.

Im Dezember 1946 wurde Otto Suhr zum Vorsteher der ersten Nachkriegs-Stadtverordnetenversammlung gewählt. Als Landesgeschäftsführer der SPD hatte er entscheidend mit dazu beigetragen, dass seine Partei die ersten Gesamtberliner Wahlen mit knapp 49 Prozent Zustimmung gewann.

Berliner sahen in Otto Suhr einen Verfechter der Freiheit

Erstmals richtig gefordert war der Jurist Otto Suhr, der schon 1919 der SPD beitrat, im Jahr 1948. Es war das Jahr der ersten Berlin-Krise. Ein Schicksalsjahr für die Stadt und die damals in den Westsektoren lebende Bevölkerung. Die Viermächte-Verwaltung Berlins durch die Alliierten kam ins Stocken. Und weil die D-Mark der Bundesrepublik auch in den westlichen Sektoren Berlins eingeführt werden sollte, ließen die Sowjets ihren Sitz in der Alliierten-Kommandantur ab Juni 1948 ruhen.

Mehr noch: Stalin wies an, die Verkehrs- und Transportwege in die westlichen Sektoren abzuriegeln. Das war der Startschuss für die Luftbrücke der Westalliierten, die Berlin nun ausschließlich mit Flugzeugen versorgten. Ein ganzes Jahr lang.

Natürlich ging der Konflikt der Alliierten nicht spurlos an der Arbeit im Stadtparlament vorbei. So setzte die Sowjetische Militäradministration Otto Suhr unter Druck. Der sowjetische Stadtkommandant General Kotikow verlangte von ihm, dass er in der Stadtverordnetenversammlung jegliche Kritik an der sowjetischen Besatzungsmacht zu unterbinden habe. Otto Suhr wies das empört zurück und drohte mit Rücktritt, sollten ihm die Stadtverordneten die Gefolgschaft verweigern. Doch das geschah nicht. Otto Suhr erhielt die Unterstützung der Mehrheit in dieser Auseinandersetzung. Dieser Vorgang stärkte seine Autorität als Vorsteher.

Dann eskalierte die Situation

Gleichwohl: Die Sowjets gaben keine Ruhe, denn der Tagungsort der Stadtverordnetenversammlung, das Neue Stadthaus, lag im sowjetischen Sektor. So erhielt die Polizei die Anweisung, das Bannmeilengesetz des Stadtparlaments zu ignorieren. Damit war es kommunistischen Stör- und Schlägertrupps möglich, die Sitzungen fortlaufend zu stören. An eine geordnete parlamentarische Arbeit war nicht zu denken. Die Störfeuer nahmen zu, als sich abzeichnete, dass Otto Suhr an den vorbereitenden Arbeiten zum Grundgesetz im Konvent am Herrenchiemsee teilnahm.

Am 6. September eskalierte dann die Situation. An diesem Tag wollte das Stadtparlament die Berliner Stadtverordneten wählen, die an den Beratungen des Parlamentarischen Rates zur Verabschiedung des Grundgesetz in Bonn beratend teilnehmen sollten. Neben Otto Suhr waren Ernst Reuter, Paul Löbe, Jakob Kaiser und Hans Reif nominiert.

Die Durchführung der Wahl war nicht möglich. Das Neue Stadthaus war voller lärmender und randalierender Demonstranten, den Kampftruppen der SED zugehörig. Männliche und weibliche Stadtverordnete wurden sogar tätlich angegriffen. Otto Suhr blieb nur die Möglichkeit, einen anderen Tagungsort vorzuschlagen. Das war vorab mit den westlichen Alliierten auch so abgesprochen.

Entscheidung für die parlamentarische Demokratie

Noch am gleichen Abend verlegte die Stadtverordnetenversammlung ihre Sitzung in ein Gebäude der Technischen Universität am Steinplatz. Die Wahl der Vertreter für den Parlamentarischen Rat konnte stattfinden. Die Stadtverordneten der SED zogen nicht mit um, blieben unter Protest dieser und den kommenden Sitzungen der Stadtverordnetenversammlung fern. Die kehrte nie mehr in den Ostsektor zurück. Sie tagte ab 1949 im Rathaus Schöneberg.

Otto Suhr war schon klar, dass diese Entscheidung die politische Spaltung der Stadt noch vertiefte, doch die Garantie von Freiheit und Demokratie waren ihm wichtiger. Es war eine Entscheidung gegen jede Form von Diktatur. Und es war eine Entscheidung für die parlamentarische Demokratie, die nur in einem freiheitlichen Gesellschaftssystem gedeihen kann.

Am 30. August 1957 starb Otto Suhr als Regierender Bürgermeister Berlins plötzlich und unerwartet. Wie sehr die Berlinerinnen und Berliner in Otto Suhr einen Verfechter auch ihrer Freiheit sahen, zeigte der Trauerzug nach seinem Tod vom Rathaus Schöneberg zum Waldfriedhof Zehlendorf. Hunderttausende säumten die Straßen. Die Menschen wussten: Ein weiterer großer und demokratischer Berliner Politiker war von ihnen gegangen.

Gastkommentator Ralf Wieland ist seit 2011 Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses.