Kolumne

Greta Thunbergs Atlantik-Fahrt auf einem Haufen Sondermüll

Hajo Schumacher bewundert Greta Thunberg für ihre Radikalität. Bei ihrem Bootstrip über den Atlantik ist sie aber nicht konsequent.

Mit der Jacht Malizia II will Greta Thunberg von Plymouth aus nach New York segeln.

Mit der Jacht Malizia II will Greta Thunberg von Plymouth aus nach New York segeln.

Foto: dpa/Reto Klar/BM Montage

Ich war stolz auf mein erstes Karbonrennrad. Leicht, stabil, viel zu schnell für mich. Dann deutete der Schrauber meines Vertrauens ein paar Jahre später auf eine weiche Stelle unterhalb der Sattelstütze. Mit dem kleinen Finger ließ sich locker ins ehemals stahlharte Karbon drücken.

Auch wenig rasante Altherrenabfahrten können bei plötzlich fehlendem Sattel schmerzhaft bis tödlich enden. Stürze? Nicht schön mit Karbon. Die feinen Risse sieht man nur in Karbonrahmenröntgenanlagen. Stahl kann man schweißen, Alu recyceln, Karbon wegschmeißen. Aber wohin? Hausmüll? Schlecht. Die asbestfeinen Fasern, die beim Zerquetschen im Müllwagen aufwirbeln, sollen Krebs begünstigen. Müllverbrennung? Auch problematisch, nicht wegen der Kohlefasern, sondern wegen des Klebers. Kohlenstoff kommt ja selten rein daher, dann wär´s ein Diamant, sondern in Mixturen. Ich kenne Radkameraden, die lassen ihr rotes Karbonrad einfach unabgeschlossen stehen.

Der finnische Edelradbauer Leo Kokkonen erfuhr in den Rahmenwerken in China, dass etwa ein Drittel allen verbrauchten Karbons Fräsabfall ist, der ins Meer geworfen wird, praktisch zu Greta, die derzeit über den Atlantik segelt, scheinbar ökologisch, weil der Wind die Energie liefert. Aber nur der leichte, stabile Rumpf sorgt für Spitzentempo. Und der besteht aus einem Karbonmix.

Ich mag Greta Thunberg für ihre Radikalität, die ich bei diesem Bootstrip aber vermisse. Der ökologische Fußabdruck gilt eben nicht nur für CO2. Eine faire Ökobilanz bezieht alle Faktoren ein, beim E-Auto die Produktion der Batterie, bei einem Schiff nicht nur geblähte Segel, sondern auch den Rumpf. Kann bitte mal ein schlauer Professor errechnen, ob eine Economy-Kabine auf der Queen Mary am Ende nicht umweltschonender gewesen wäre als die Fahrt auf einem Haufen Sondermüll?

Greta hat die große Chance, uns allen die hohe Komplexität umweltgerechten Lebens nahezubringen. Vielleicht sagt sie zum Karbon ja noch was. Ansonsten bliebe die Segelei ziemliches Öko-Theater.