Kommentar

Attacke in Frankfurt: Der Albtraum an der Bahnsteigkante

Die feige Attacke in Frankfurt berührt das subjektive Sicherheitsempfinden vieler Bürger. Die Politik muss reagieren. Es gibt Optionen.

Die Fassungslosigkeit nach der tödlichen Attacke in Frankfurt am Main ist groß.

Die Fassungslosigkeit nach der tödlichen Attacke in Frankfurt am Main ist groß.

Foto: Frank Rumpenhorst / dpa

Berlin. Selten hat ein Verbrechen so fassungslos gemacht wie die hinterhältige Attacke auf eine Mutter und ihren achtjährigen Jungen auf dem Frankfurter Hauptbahnhof. Wie kann ein Mensch so etwas tun?

Diese Frage blieb gestern beim Auftritt von Bundesinnenminister Horst Seehofer unbeantwortet. Wie sollte die Antwort auch lauten? Eine mögliche psychische Erkrankung des Eritreers wäre eine Erklärung, die leichter zu verkraften ist als ein geplantes Attentat.

Gleis-Schubser: Sorge vor Nachahmern

Beunruhigend aber ist die offenkundige Sorge, es könnte weitere Taten auf deutschen Bahnhöfen geben, eventuell durch Nachahmer. Es ist eine Horrorvorstellung. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit, von einem Irren auf die Gleise gestoßen zu werden, verschwindend gering ist: Wohl niemand kann in nächster Zeit unbefangen am Bahnsteigrand stehen und arglos seinen Gedanken nachhängen.

Wer steht hinter mir? Wie stehe ich am sichersten? Wer fällt durch seltsames Verhalten auf?

Es ist menschlich und keine übertriebene Ängstlichkeit, wenn Reisenden in nächster Zeit solche Fragen durch den Kopf gehen.

Mehr Polizeipräsenz an Bahnhöfen ist richtiges Signal

Der Fall von Frankfurt berührt ganz besonders das subjektive Sicherheitsgefühl der Bürger, das eindeutig schlechter geworden ist. Das lässt sich auch nicht Wegwischen mit dem Hinweis auf eine positive Entwicklung in der Kriminalstatistik. Das hat Horst Seehofer gut erkannt und mit dem Abbruch seines Urlaubs das richtige Zeichen gesetzt.

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Den Worten müssen jetzt aber auch Taten folgen. Um das Sicherheitsgefühl auf den Bahnhöfen ist es schon lange – ganz unabhängig von den jüngsten Fällen – nicht gut bestellt. Wer die Bahn häufig benutzt, kennt die vielen Probleme.

Ungepflegte, düstere Ecken, alkoholisierte Dealer, Trickbetrüger und aufdringliche Bettler sorgen für Unwohlsein. Mehr Präsenz durch die Bundespolizei ist der richtige Weg um die Sicherheit subjektiv und objektiv zu erhöhen. Und viel wirksamer als nur auf noch mehr Kameras zu setzen.

Sicherheitsbarrieren wie an Flughäfen – wäre das eine Option?

5600 Bahnhöfe in Deutschland mit technischen Barrieren zu sichern, scheint da schon verwegener. „Zu teuer“, hört man reflexhaft von Experten. Aber eigentlich ist es nicht einzusehen, dass Flugreisende sich in hermetisch geschützten Bereichen bewegen, während Bahnreisende ein höheres Risiko tragen müssen. Wie Barrieren funktionieren können und die Sicherheit erhöhen, kann man nicht nur in Japan seit langer Zeit besichtigen.

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Es wäre ein Anfang, diese Technik bei Neubauten oder Sanierungen verpflichtend einzusetzen. Das Geld wäre dort jedenfalls besser investiert als etwa in teurer Mauttechnik für Autobahnen, die nie aufgestellt werden darf.

Zug-Attacke- Täter war bereits in psychiatrischer Behandlung

Offen blieb nach der Pressekonferenz des Innenministers und seiner Chefs von Bundespolizei und Bundeskriminalamt die Frage, wie ein in der Schweiz zur Fahndung ausgeschriebener Gewaltverbrecher die Grenze nach Deutschland passieren konnte.

Es handelt sich nach dem Schengen-Abkommen zwischen der Schweiz und Deutschland zwar nicht um eine Außengrenze der Europäischen Union. Aber offenbar ist die Fahndung nicht zu den deutschen Kollegen kommuniziert worden.

Es gibt breite Kontrollen an den deutsch-österreichischen Autobahn-Grenzen – aber nur Stichproben an der schweizerisch-deutschen Grenze. Das wirft Fragen zur Systematik auf, die beantwortet werden müssen.

Bis dahin bleibt nur die Hoffnung, dass es bei diesen schrecklichen Vorfällen auf den Bahnhöfen in Frankfurt und Voerde bleibt. Und leider die Erkenntnis, dass es absolute Sicherheit vor gestörten Einzeltätern nie wirklich geben kann.