Kommentar

Brandbrief zum Breitscheidplatz: Endlich sagt es mal einer

Der Pfarrer der Gedächtniskirche beschwert sich über Müll und zugeparkte Einfahrten. Die Situation zeigt, was in Berlin schiefläuft.

Uta Keseling über die Situation am Breitscheidplatz.

Uta Keseling über die Situation am Breitscheidplatz.

Foto: Sergej Glanze/Reto Klar/BM Montage

Berlin. Man kann natürlich sagen: Letztlich geht es bei der aktuellen Posse vom Breitscheidplatz nur um Papierkörbe und zugeparkte Einfahrten. Und um einen renitenten Pfarrer, der mit einem wütenden Brandbrief versucht, Druck auf die Politik auszuüben, weil er anders nicht gehört wird. Ja, das wäre einerseits richtig. Aber andererseits viel zu kurz gegriffen.

Denn was sich derzeit auf dem zentralen Platz der westlichen Innenstadt abspielt, vor Berlins symbolischster Kirche, am Schauplatz des bisher schwersten islamistischen Anschlags Deutschlands: Es zeigt einmal mehr, was passiert, wenn in Berlin Dinge so richtig schieflaufen, bis am Ende der Skandal steht. Erst sind es nur Kleinigkeiten. Das Genörgel an der martialischen Festung am Breitscheidplatz. Überquellende Mülleimer. Verstellte Zufahrten. Und Politiker und Beamte, die immer auf andere zeigen, statt die Dinge zu regeln.

Hintergrund: Pfarrer der Gedächtniskirche schreibt Brandbrief

Und wenn Retter und Polizei im Falle einer erneuten „Lage“ nicht auf den Breitscheidplatz auffahren können, weil dieser rundum verpollert und die Einfahrten zugeparkt sind, wird wieder dieses eine Wort bemüht: „Behördenversagen“. Warum klärt ein Untersuchungsausschuss noch immer, was in Berliner Behörden vor dem Anschlag am 19. Dezember 2016 schieflief? Es war ein Fall von komplexem Behördenversagen. Warum verschickte die Verwaltung den Hinterbliebenen statt Kondolenzschreiben Rechnungen für die Obduktion? Genau: Behördenversagen.

Der monströse „Lkw-Überfahrschutz“ am Breitscheidplatz sollte Bürgervertrauen wiedergewinnen. Jetzt geht selbst das nach hinten los, weil sich zu viele Verantwortliche auf andere verlassen. Und nur einer sich traut, laut etwas zu sagen: ein Pfarrer. An eine für alle Seiten akzeptable Lösung glaubt man da eigentlich nicht mehr.