Kommentar

Mann fährt Kind tot – 200 Euro Strafe? Eine Schande ist das!

Über dieses Urteil sollten wir als Berliner uns einfach nur schämen, meint Sebastian Geisler.

Das Urteil zum totgefahrenen Kind ist erbärmlich, meint Sebastian Geisler

Das Urteil zum totgefahrenen Kind ist erbärmlich, meint Sebastian Geisler

Foto: dpa/Boris Rössler; Maurizio Gambarini (Montage)

Ja, Unfallverursacher Arbnor L. (23) bedauert offenbar sehr, was er angerichtet hat. Ja, die Schuld wird ihn ein Leben lang begleiten und er leidet daran. Ja, es gab noch weitere sehr unglückliche Faktoren, die zum Tod eines vierjährigen Jungen beitrugen. Aber: Da wird der Angeklagte – wegen fahrlässiger Tötung! – schuldig gesprochen, und im Ergebnis muss er eine Geldstrafe von 200 Euro zahlen und bekommt einen Monat Fahrverbot? Das ist absurd. Mal zum Vergleich: Ich musste mal rund 130 Euro Strafe bezahlen, weil ich mich innerhalb Berlins verspätet umgemeldet (!) hatte. Eine Geldstrafe kann den Verlust eines Menschenleben niemals wieder gutmachen, aber ein Urteil, das sich für alle Beteiligten wie ein Freispruch anfühlt, kann eigentlich nur weiteren Schmerz verursachen. Und das kann nicht richtig sein.

Mit zu hohem Tempo über die Busspur

Arbnor L. war mit seinem Bruder auf dem Weg ins Fitnessstudio. Er hätte dafür durchaus BVG oder S-Bahn nutzen können, aber er stieg in sein Auto und gab Gas. Laut Staatsanwaltschaft fuhr er mit stark überhöhter Geschwindigkeit an einigen an der Ampel stehenden Autos vorbei – und zwar auf der Busspur, was natürlich verboten ist. Während sich das genaue Tempo nicht gerichtlich klären ließ, ging ein Gutachten von 74 Stundenkilometern aus. L. beteuert, er sei 50 gefahren.

Der vierjährige Junge wartete mit seiner Mutter an einer roten Ampel, riss sich jedoch los und lief auf die Straße. Weil die Mutter Einkäufe in beiden Händen hielt, konnte sie ihren Sohn nicht zurückhalten, als er auf die Straße lief, so dass Arbnor L.s Auto ihn mit einem Seitenspiegel erfasste. Das Kind flog durch die Luft, die Mutter schrie, L. sprang aus dem Auto, zitternd, er versuchte noch zu helfen, die Zeugenaussagen sind aufwühlend.

Was sagt dieses Urteil eigentlich über uns als Gesellschaft aus?

Das Urteil mag juristisch wasserdicht sein, gesellschaftlich ist es erbärmlich. Was sagt es über uns als Gesellschaft aus, wenn man als wegen fahrlässiger Tötung verurteilter Autofahrer mit 200 Euro Strafe und einem Monat Fahrverbot davonkommt? Was sagt es über uns als Erwachsene aus, wenn in der Stadt, die wir gestaltet haben und gestalten müssen, ein argloses Kind den Fehler von Sekunden sofort mit dem Leben bezahlt?

Viele Berliner sind viel zu aggressiv auf den Straßen unterwegs

In Berlin sind viel zu viele Autofahrer mit einer bemerkenswerten Selbstverständlichkeit viel zu schnell unterwegs, springen in jede Lücke, fahren auch bei tiefgelb und rot noch über Ampeln – und hupen aggressiv jene zur Seite, die sich an die Regeln halten. Wer so unterwegs ist, der sollte nicht Auto fahren. Wer so unterwegs ist, der sollte die U-Bahn nutzen. Damit käme er übrigens, das zeigt die Alltagserfahrung immer wieder, meist sogar schneller ans Ziel.

Als Berliner sollten wir uns für diesen Unfall und dieses Urteil einfach nur schämen.

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