Leitartikel

Mietspiegel-Daten: Alarmismus hilft nicht

Statt den Mietspiegel nüchtern zu analysieren, gefällt sich Berlin in der Ausrufung des „Mietenwahnsinns“.

Isabell Jürgens.

Isabell Jürgens.

Foto: Maurizio Gambarini

Berlin. Der neue Berliner Mietspiegel 2017 ist da – und die erwartete Schockmeldung ausgeblieben. Die Mieten in der Hauptstadt sind nach dem jüngsten Datenwerk in den vergangenen 24 Monaten nur noch halb so stark gestiegen wie in den zwei Jahren zuvor. Eine tolle Nachricht, denn auch in der Langzeitbetrachtung zeigt sich, dass die durchschnittlichen Mietspiegelmiete 2019 mit 2,5 Prozent jährlich den geringsten Zuwachs seit zehn Jahren aufweist.

Doch von Erleichterung, gar Freude, keine Spur. Vielmehr hat man den Eindruck, dass dieses Ergebnis vielen Politikern und Verbandsvertretern so gar nicht in die eigene Weltsicht passt. Die einzige, die sich traut, aus einer Durchschnittsmiete von 6,72 Euro je Quadratmeter zumindest etwas Optimismus zu ziehen, ist Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher (Linke).

In den Reaktionen sowohl von Mieter- als auch Vermietervertretern, von Oppositionsparteien, aber auch und vor allem in den Reihen ihrer eigenen Partei herrscht dagegen ungebremster Alarmismus.

Keinesfalls, so heißt es im rot-rot-grünen Regierungslager und bei diversen Mietenbündnissen unisono, dürfe man die Mietspiegeldaten nun als Beleg dafür sehen, dass der „Mietenwahnsinn“ in Berlin gestoppt sei. Vielmehr müsse der Wohnungsmarkt nun weiter und mit noch drastischeren Maßnahmen aufs Strengste reguliert werden, auch die Enteignungsdebatte ist selbstverständlich nicht vom Tisch.

Doch auch Wirtschafts- und Wohnungsverbände interpretieren die Zahlen in ihrem Sinne. So beschwören etwa die oppositionelle FDP und CDU weiter den einfachen Dreiklang von „bauen, bauen, bauen“ um jeden Preis. Die FDP hat es sich darüber hinaus auch nicht nehmen lassen, 100 Großplakate zu drucken, die nun in der ganzen Stadt hängen und verkünden „bauen statt klauen“. Ansonsten werde sich „die Wohnkrise weiter verschlimmern“ (O-Ton FDP). Zur Versachlichung der Debatte tragen sie mit solchen Äußerungen allerdings auch nicht eben bei.

Doch von einer aufgeheizte Stimmung zwischen Mietern und Vermietern haben die Berliner herzlich wenig. Statt den „Mietenwahnsinn“ zu beschwören, sollten sich alle Interessensgruppen wenigstens die Zeit nehmen, sich das Datenwerk einmal gründlich anzuschauen und zu analysieren. Denn das weist bemerkenswerte Entwicklungen aus.

So zeigt sich, dass insbesondere kleine Altbauwohnungen in den Gründerzeitquartieren im Innenstadtbereich von enormen Mietpreissteigerungen betroffen sind. Dies sind Wohnungen, die besonders bei jungen Zuzüglern in der Stadt begehrt sind – die dort allerdings schnell wieder ausziehen, sowie sie eine passendere Wohnung gefunden haben.

Durch den raschen Mieterwechsel lassen sich Mieterhöhungen bei Neuvermietungen relativ leicht realisieren. Sinkende Mieten gibt es dagegen sowohl im Ost- als auch im Westteil der Stadt vor allen in den Beständen, die ab 1965 bis 1990 errichtet wurden – zumeist in den Außenbereichen der Stadt, also dort, wo die landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften aktuell ihr Angebot deutlich ausweiten.

Ablesen lässt sich aus dieser Entwicklung, dass durchaus noch Handlungsbedarf besteht – aber kein Grund, mit immer neuen Schreckensmeldungen die Angst der Mieter vor ungebremsten Mietsteigerungen und Verdrängung zu schüren. Wer in Berlin Mieter ist, wohnt in der Regel zu einem Mietzins, der sozialverträglich ist. Damit das so bleibt, sollte auf Panikmache verzichtet und der neue Berliner Mietspiegel als Grundlage für eine neue, sachliche Debatte genommen werden