Kommentar

Fehlende Fakten zur Schulgewalt

Berlins Bildungssenatorin muss liefern, sagt Ulrich Kraetzer.

Ulrich Kraetzer

Ulrich Kraetzer

Foto: dpa/ Reto Klar

Es ist nicht schlimmer geworden, sondern sogar etwas besser. Das war der Tenor, den Berlins Schulsenatorin Sandra Scheeres (SPD) und ihre Experten anschlugen, als sie am Montag eine Evaluation des Meldeverfahrens für Gewaltvorfälle an Schulen vorstellten. Gestiegen sei die Anzeigebereitschaft, so Scheeres, nicht aber die Zahl der tatsächlichen Vorfälle. Man dürfe die Gewalt – sei sei psychisch oder körperlich – also nicht bagatellisieren. Der in den Medien mitunter verbreitete Alarmismus sei aber unangebracht.

Scheeres und ihre Experten mögen mit dieser Einschätzung recht haben. Oder auch nicht. Oder nur ein bisschen. Oder nur für einen bestimmten Zeitraum. Denn wissenschaftliche und auf Berlin gemünzte Erhebungen zum Thema Schulgewalt gibt es nicht. Das ist nicht nur bedauerlich. Es ist nicht hinnehmbar. Denn dass Schulleiter Gewaltvorfälle nicht mehr so häufig unter den Teppich kehren wie früher, ist zwar zu begrüßen. Das Problem der Gewalt an Schulen ist aber zu wichtig, um es ohne eine valide Datenbasis zu diskutieren.

Immerhin: Auf Nachfrage hat Scheeres angekündigt, darüber nachzudenken, zur Aufhellung des Dunkelfeldes eine weitere Studie in Auftrag zu geben. Dafür könnten Schüler systematisch nach ihren Gewalterfahrungen befragt werden. Auch die Notfallpläne müssten angepasst werden, so Scheeres. Schulen müssten auch bei Fällen von Mobbing, dem gezielten Schikanieren von Mitschülern also, die notwendige Unterstützung erhalten. Auch das klingt gut. Doch wird Scheeres den Worten zeitnah Taten folgen lassen. Zweifel sind angebracht. Auf die „Evaluation“, deren wichtigstes Ergebnis war, dass man das wahre Ausmaß der Schulgewalt nicht beziffern kann, mussten die Bildungsexperten inner- und außerhalb der Scheeres-Verwaltung jedenfalls lange warten.