Kommentar

Der zunehmende Antisemitismus in Berlin ist unerträglich

Alexander Dinger
Ein Mann mit einer Kippa nimmt an der Solidaritätskundgebung "Berlin trägt Kippa" der Jüdischen Gemeinde zu Berlin teil (Archivbild).

Ein Mann mit einer Kippa nimmt an der Solidaritätskundgebung "Berlin trägt Kippa" der Jüdischen Gemeinde zu Berlin teil (Archivbild).

Foto: dpa Picture-Alliance / Michael Kappeler

Die Anstieg antisemitischer Vorfälle ist besorgniserregend. Wir alle müssen Zivilcourage zeigen, meint Alexander Dinger.

Erneut hat die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (Rias) einen Anstieg bei den antisemitischen Vorfällen in Berlin registriert. Das ist dramatisch, weil viele gemeldete Zwischenfälle sind im persönlichsten Umfeld der Betroffenen passiert. Vor der Wohnung. Im Spätkauf. In der Bahn. Auf dem Schulhof.

Damit sind diese Zahlen vor allem eine Mahnung. Wer antisemitische Äußerungen mitbekommt, muss dazwischen gehen, Einspruch erheben. Oft ist das aber nicht der Fall. Das hängt auch mit einem Bildungsdefizit zusammen. Wenn Lehrer antisemitische Äußerungen auf dem Schulhof bagatellisieren, dann müssen nicht nur die Schüler zur Nachhilfe, sondern auch die Lehrer.

Wenn Rapper antisemitische Textzeilen rappen, ist das keine Bagatelle, sondern ein Grund die Anlage abzudrehen oder die Tanzfläche zu verlassen. Wenn eine Frau von einem Spätkaufbesitzer als „Judenschlampe“ bezeichnet wird, dann muss man der Frau beistehen und den Laden boykottieren. Es ist unerträglich, wenn so etwas, im Jahr 2019, in Berlin ohne Konsequenzen bleibt.

Dass diese Vorfälle überhaupt bekannt werden, ist der Arbeit der Recherchestelle zu verdanken. Denn anders als die Polizei zählt Rias auch Vorkommnisse, die vielleicht strafrechtlich nicht geahndet werden können, aber trotzdem eine immense Auswirkung auf das Leben der Betroffenen haben. Etwa, wenn ein Angriff nicht vollendet wurde, weil das Opfer flüchten konnte. Jede einzelne dieser Geschichten gehört erzählt.

Warum das wichtig ist, zeigte der Ort, an dem die diesjährigen Zahlen von Rias vorgestellt wurden. Das Anne-Frank-Zentrum mahnt uns nämlich, was in letzter Konsequenz passieren kann, wenn eine Gesellschaft beginnt, wegzusehen, zu bagatellisieren und zu beschwichtigen.