Fahndung

Berlin hat keine Eile – selbst wenn ein Messermörder flieht

Der Geflohene ist hochgefährlich. Dass die Polizei erst zwei Wochen später vor ihm warnt, ist ein Skandal, meint Sebastian Geisler.

Dass die Polizei erst nach zwei Wochen vor dem hochgefährlichen Straftäter warnt, ist für Sebastian Geisler ein Skandal. 

Dass die Polizei erst nach zwei Wochen vor dem hochgefährlichen Straftäter warnt, ist für Sebastian Geisler ein Skandal. 

Foto: Patrick Seeger/dpa; Maurizio Gambarini (Montage)

Berlin. Wie sagt man so schön: „Herr, nimm mir alles, aber lass mir die Ausrede!“ In der vergangenen Woche haben wir ein besonders beeindruckendes Beispiel von Berliner Unfähigkeit erlebt.

Da flieht ein als gefährlich geltender Straftäter aus dem Maßregelvollzug und die Berliner Polizei benötigt zwei Wochen, um eine entsprechende Mitteilung herauszugeben. Die allerdings warnt umso eindringlicher vor dem offenbar hochgefährlichen Mann.

Update: Der Mann ist am 5. April 2019 in Gatow gefasst worden.

Auch am Donnerstag fehlte von dem Mann jede Spur. Mittlerweile sind bei der Polizei rund 100 Hinweise eingegangen.

Der Straftäter lief seinen Aufpassern bei einem begleiteten Ausgang am 14. März davon. Die Polizei schreibt erst jetzt: „Sprechen Sie ihn nicht an und verständigen Sie sofort die Polizei!“ Der Mann sei möglicherweise mit einem Messer bewaffnet. Zudem benötige er regelmäßig Medikamente.

Der Mann tötete Passanten mit zwei Stichen ins Herz

Der Mann hatte Ende 2006 einen ihm unbekannten Mann auf der Straße mit zwei Stichen ins Herz getötet, weil dieser ihn offenbar versehentlich angerempelt hatte.

Ein psychisch kranker Totschläger, der seit Tagen dringend benötigte Medikamente nicht bekommen hat, von dem die Polizei nach eigenem Bekunden annimmt, er könne unvermittelt mit dem Messer auf jeden Unbescholtenen einstechen, der ihn auch nur anspricht, und es vergehen zwei Wochen, ehe eine entsprechende Öffentlichkeitsfahndung herausgegeben wird? Das wäre für sich genommen schon ein Skandal.

Wann wird eigentlich öffentlich gefahndet?
Wann wird eigentlich öffentlich gefahndet?

Die Ausrede der Berliner Polizei ist bemerkenswert

Was aber noch viel bemerkenswerter ist, ist die Ausrede der Berliner Polizei. Und die haben wir schon oft gehört. „Eine Öffentlichkeitsfahndung ist immer letztes Mittel einer Fahndung“, sagte ein Polizeisprecher zu dem Vorgang. Man habe erst alle anderen Ermittlungsansätze ausschöpfen müssen.

Man fragt sich, wie genau das vonstatten gegangen ist. Welche „Ermittlungsansätze“ verfolgte die Polizei etwa an Tag 4, Tag 7 oder Tag 11 des Verschwindens des Mannes? Seine Angehörigen dürfte man in der Zwischenzeit ja gefragt haben, ob er sich bei ihnen gemeldet hat. Angesichts der Gefährlichkeit des Geflohenen hätte die Polizei auch entsprechend unverzüglich bei Gericht Öffentlichkeitsfahndung beantragen können. (So nämlich geht der rechtsstaatlich vorgesehene Weg.) Warum vergehen satte zwei Wochen?

In Neustadt brach ein gefährlicher Mann aus - die Fahndung kam am selben Tag!

Wie dreist der Verweis auf das „Ausschöpfen von Ermittlungsansätzen“ ist, zeigt ein vergleichbarer aktueller Fall – der allerdings gottlob nicht von Berliner Behörden bearbeitet wurde: Aus einer Klinik in Neustadt in Schleswig-Holstein ist in der Nacht zu Sonntag ein als „ausgesprochen gefährlich und gewaltbereit“ geltender Mann entflohen, wie ein Polizeisprecher aus Neustadt mitteilte. Und jetzt die Frage: Wann informierten die norddeutschen (lies: nicht-Berliner) Behörden die Öffentlichkeit davon? Wenige Stunden nach dem Ausbruch!

Doch, eine frühe Fahndung ist sehr wohl möglich

Nanu? Angeblich ist das doch eigentlich gar nicht möglich. Doch, ist es: Die Polizei in Neustadt hatte nämlich sofort umfassende Fahndungsmaßnahmen eingeleitet und „die Ermittlungsansätze ausgeschöpft“. Diese führten nicht zur Ergreifung des Mannes. Also beantragten die Ermittler unverzüglich Öffentlichkeitsfahndung. Die noch am Ausbruchstag (!) ausgelöst wurde.

Zum Glück betreuen nicht Berliner Behörden den Fall in Neustadt

Zwei sehr ähnliche Fälle, zwei völlig unterschiedliche Geschwindigkeiten in Norddeutschland und Berlin. In Schleswig-Holstein können die Verantwortlichen ruhig schlafen, weil sie offenbar alles getan haben, um Gefahr von der Bevölkerung abzuwenden und den Entwichenen zu fassen. In Berlin können die Verantwortlichen ruhig schlafen, weil sie eine Ausrede haben. Wir sollten ihnen das nicht durchgehen lassen.