Leitartikel

Stromausfall in Köpenick: Katastrophe des Alltags

Der Stromausfall war die Folge eines großen Zufalls. Aber er sollte dazu dienen, die Katastrophenvorsorge in Berlin zu überdenken.

Morgenpost-Redakteur Joachim Fahrun

Morgenpost-Redakteur Joachim Fahrun

Foto: Maurizio Gambarini

Für die Menschen und Unternehmen im Berliner Südosten war es der Super-Gau. Anderthalb Nächte saßen sie im Dunkeln. Kein Licht, keine Straßenbahn, keine Computer, kein Fernsehen, vielfach kein Telefon, das Bier erwärmte sich langsam. Die Maschinen der Betriebe standen still, in den Truhen von Privathäusern und Supermärkten taute die Tiefkühlkost. Die Polizei fuhr verstärkt Streife, um Plünderungen im dunklen Kiez zu verhindern. Der Schaden ist erheblich.

Der größte Stromausfall in Berlin seit Menschengedenken legte über mehr als 30 Stunden fast ganz Köpenick lahm. Mit einer angeblich maroden Infrastruktur in Berlin hat die Havarie vom Dienstag jedoch nichts zu tun. Dass ein Bohrer gleich zwei Hochspannungsleitungen durchtrennt, darf man getrost als ganz großes Pech oder riesige Blödheit bezeichnen. Wenn es stimmt, was die Fachleute vom Netzbetreiber Stromnetz Berlin sagen, dann hatten Bauleute sich nicht nach den Leitungen erkundigt, ehe sie an der Allende-Brücke zur Tat schritten und ihren Bohrer horizontal in die Brückenauffahrt jagten. Weil das Licht noch brannte, als sie das erste Kabel erwischten, bohrten sie weiter. Dunkel wurde es erst, als sie drei Minuten später auch die zweite Leitung erwischten. Es gibt wohl weniger Orte in der Stadt, wo zwei Hochspannungsleitungen nebeneinander verlaufen. Aber die Salvador-Allende-Brücke ist halt nicht nur für die Autofahrer ein Nadelöhr auf dem Weg über die Spree nach Köpenick, sondern auch für Versorgungsleitungen. Und so laufen eben die Kabel, die von zwei verschiedenen Umspannwerken das Umspannwerk an der Landjägerstraße anbinden, über die gleiche Brücke.

Für die Verantwortlichen dieser Panne dürfte der Vorfall teuer werden. Verdienstausfall von Unternehmen und Selbstständigen, kaputte Rechner, verdorbene Lebensmittel, ausgefallene BVG-Fahrten und und und. Es dürfte lange dauern, all die Ansprüche zusammen zu tragen. Ob jedoch eine Baufirma die nötige Substanz hat, diese Forderungen auch zu begleichen oder ob eine Versicherung dafür gerade steht, darf man bezweifeln. Wenn die Schilderungen der Stromnetz-Leute zutreffen, konnten die Bohrer-Besatzung an der Brücke keine Karten der dort verlaufenden Leitungen vorweisen. Offenbar haben sie sich nicht wie es üblich ist, nach dem erkundigt, was dort im Boden liegt.

Ein Ausfall in dieser Größenordnung ist tatsächlich in Berlin an kaum einem anderen Ort als in Köpenick denkbar. Die meisten anderen Umspannwerke, an denen die Endkunden hängen, werden nicht über zwei parallel laufende Hochspannungskabel versorgt. Und wenn nur eine Leitung ausgefallen wäre, hätte wohl kaum jemand etwas von der Panne bemerkt. Dass aber gleich die zweite Leitung getroffen wurde, machte die Sache zur großen Nummer.

Auch wenn eine Wiederholung nicht morgen zu befürchten steht: Berlin tut gut daran, sich für die Zukunft noch mehr Gedanken zu machen was geschieht, wenn kritische Infrastruktur ausfällt. Das technische Hilfswerk, die Krankenhäuser und die Sicherheitsbehörden sollten den Fall als Realitäts-Übung begreifen und genau prüfen, was gut und was auch weniger gut geklappt hat.

Die zunehmende Digitalisierung aller Steuerungssysteme macht theoretisch Hackerangriffe möglich. Gebaut wird auch viel, dass dabei weitere Kabel erwischt werden, gehört fast zum Alltag. Auch für Großstädter scheint es darum angeraten, sich zumindest für einige Stunden ohne Strom vorzubereiten. Lebensmittel, die man nicht unbedingt auf dem E-Herd erwärmen muss, gehören in jeden Haushalt. Ebenso Kerzen oder Taschenlampen, für alle Fälle. Backups für den Rechner sollte jeder anlegen, dem seine Daten lieb sind. Die moderne, vernetzte Welt ist verwundbar, das zeigt der Stromausfall von Köpenick überdeutlich. Dass es in Berlins Südosten in der dunklen Zeit einigermaßen ruhig blieb, ist nach dem ohne großes Chaos verlaufenen BVG-Streik vergangene Woche ein weiterer Beleg für die Nervenstärke der Hauptstädter. Es wird zwar gerne gemeckert, wenn es aber wirklich ernst wird, zeigen die Menschen sich doch besonnen und vernünftig.