Meinung

Berlins Nahverkehr - die tägliche Herausforderung

Berlins Nahverkehr lahmt. Darunter leidet die Attraktivität der Wirtschaftsregion, analysiert Dominik Bath.

Es gibt kaum etwas, das Neu-Berliner so erstaunt wie das regelmäßige Versagen des öffentlichen Personennahverkehrs in der deutschen Hauptstadt. Allein in diesem Jahr sind rund 50.000 neue Arbeitsplätze in Berlin entstanden. Viele der neuen Mitarbeiter ziehen in oder vor die Stadt und versuchen dann, mit U-, S-Bahn oder Bus zur Arbeit zu kommen. Zuletzt ist der Weg zum Job allerdings immer öfter zur Glücksache geworden. Das liegt vor allem daran, dass der Berliner Nahverkehr nicht mit der boomenden Stadt mitgewachsen ist.

Die Politik hat U- und S-Bahn jahrelang auf Verschleiß fahren lassen. Weil Geld knapp war, hat es das Land unterlassen, rechtzeitig einzugreifen. Neue Wagen für U-Bahnen und Tram wurden nicht zu gebotener Zeit geordert. Der zur bundeseigenen Deutschen Bahn AG gehörenden S-Bahn ließ der Senat freie Hand und sah zu, wie der Staatskonzern den Betrieb in Berlin kaputtsparte. Jetzt fehlen im Nahverkehr Wagen, vorhandene Züge sind alt und wartungsanfällig, teilweise gibt es Engpässe bei Fahrzeugführern. Das führt dazu, dass auch im Normalzustand stark nachgefragte Linien chronisch überlastet sind.

Erst viel zu spät hat der Senat erkannt, dass ein funktionierender Verkehr zu den wichtigsten Bausteinen einer Metropole gehört. Jetzt versucht die rot-rot-grüne Koalition angestrengt, Autofahrern den Fahrspaß zu nehmen und zum Umstieg aufs Rad oder in U- und S-Bahn zu überzeugen. Doch viele Argumente hat die Politik angesichts der Nahverkehrssituation nicht auf ihrer Seite. Zwar bestellte der Senat bereits für Milliarden neue U-Bahn- und auch Tram-Wagen. Doch bis die Neuanschaffungen endlich auf den Strecken zum Einsatz kommen, werden noch Jahre vergehen.

Das Verkehrssystem ist als Standortfaktor verblasst

Unter den Engpässen leidet auch die Wirtschaft, nicht nur in Berlin, sondern in der gesamten Region. Zwar kann die Hauptstadt dank ihres internationalen Flairs, innovativer Unternehmen und reichhaltiger kultureller Angebote nach wie vor Fachkräfte anziehen. Das Verkehrssystem allerdings ist als Standortfaktor verblasst. Das ist vor allem deswegen ärgerlich, weil die Zahl der Pendler seit Jahren steigt: Immer mehr Menschen müssen aus dem Umland zu ihren Arbeitsplätzen gelangen, weil es längst nicht für alle Neu-Berliner Wohnraum in der Stadt gibt. Hinzu kommt, dass auch Berliner Firmen raus aufs Land gezogen sind. So ist aus Berlin und Brandenburg längst eine gemeinsame Wirtschaftsregion geworden. Der Eindruck, auch eine gemeinsame Verkehrsregion zu sein, dürfte bei vielen Pendlern hingegen verloren gegangen sein. Zu wenig Züge auf den gefragten Strecken, nicht nur bei der S-Bahn, sondern auch bei Regionalzügen, machen die tägliche Fahrt zur Arbeit zu einer unangenehmen Herausforderung.

Der Senat darf sich deswegen nicht nur darauf verlassen, dass die Zeit alles richtet. Erst wenn die neu bestellten Züge auf den Gleisen rollen, werden Entlastungen spürbar sein. Gleichzeitig dürfen sich Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen. Junge Leute müssen frühzeitig für die Arbeit bei BVG und S-Bahn begeistert werden. Entscheidend wird zudem sein, wie gut es gelingt, Autofahrer davon zu überzeugen, den Wagen auch mal stehen zu lassen. Neue Mobilitätslösungen wie E-Bikes, Scooter oder Ride-Sharing müssen in das Nahverkehrsangebot integriert werden. Berlin hat angesichts vieler junger Unternehmen dafür gute Voraussetzungen. Die gilt es zu nutzen. Ansonsten droht der Verkehr der Zukunft an Berlin vorbeizufahren.

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