Kommentar

Berliner sind aus Angst mit der Miete zufrieden

Der Mietmarkt ist kaputt, da gibt es nichts schönzureden, findet Morgenpost-Autor Martin Nejezchleba.

Foto: pa/Montage BM

Berlin. Da sind sie ja endlich. Die positiven Nachrichten zum Wohnungsmarkt. So zumindest hat am Mittwoch der Verband der Berlin Brandenburgischen Wohnungsunternehmen (BBU) seinen jährlichen Mietreport verkauft. Das Motto: „Wohnen bei den Guten“.

Und tatsächlich klingt einiges nach einer schönen Überraschung. Diese Zahl zum Beispiel: 84 Prozent der Berliner finden ihre Miete angemessen. Viele nennen sie sogar günstig oder sehr günstig. Der BBU sieht ihre rund 700.000 als Mietpreisdämpfer. Alles halb so wild? Die Zehntausenden, die im Frühjahr gegen Mietenwahnsinn auf die Straße gingen: alles Hysteriker? Wohl kaum. Das kann man schon aus der BBU-Studie selbst lesen.

Denn für die niedrige Durchschnittsmiete sind vor allem die sechs landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften verantwortlich. Bei ihnen zahlen die Mieter laut Bericht sechs Prozent weniger als im Berliner Durchschnitt. Sie hat der Senat zu moderatem Mietenwachstum verpflichtet. Die Deutsche Wohnen nicht. Die ist mit 110.000 Wohnungen im BBU vertreten. Mietsteigerung alleine bis März diesen Jahres: 5,1 Prozent. Gerade hat der Mietgigant 700 Wohnungen in der Karl-Marx-Allee gekauft. Die Altmieter in Friedrichshain bangen jetzt vor der Verdrängung.

Und genau hier versteckt sich auch das „Aber“ bei den angeblich so zufriedenen Mietern. Denn die andere Seite der Zufriedenheit ist die Angst. Laut Angaben des Energiedienstleisters Techem zogen 2017 nur noch 6,7 Prozent der Berliner um. Vor sieben Jahren waren es noch 15 Prozent. Kaum einer traut sich noch, aus der Wohnung auszuziehen, egal wie eng sie über die Jahre geworden ist. Und laut Mieterverein geben viele Berliner bereits die Hälfte ihres Einkommens für Miete aus.

Berlin braucht neue Wohnungen und besseren Schutz für Mieter. Die Politik muss handeln. Da gibt es nichts schönzureden.

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