Kommentar

Warum ich in den Berliner Mieterverein eingetreten bin

Erst wechselt der Eigentümer, dann kommen hohe Nebenkostenabrechnungen - Grund genug in den Verein einzutreten, findet Julius Betschka.

Foto: pa/Montage BM

Berlin. Heutzutage gilt es ja als lässig, sich nicht zu binden. Parteien sind uncool, Verbände auch, selbst Beziehungen sind manchem schon zu viel der Bindung. Alles ist immer dynamisch, immer im Fluss. Da ist es fast schon eine große Sache, einem Verein beizutreten. So einem mit richtiger Satzung, einem Mitgliedsbeitrag und Treffen bei Bockwurst und Bier.

Ich habe es getan. Ich bin vor einigen Tagen dem Berliner Mieterverein beigetreten. Nicht etwa, weil ich ein Herz habe für Organisationen, die gerade 130. Geburtstag feiern – dennoch: Glückwunsch! – und auch nicht, weil ich so gern Bockwurst esse. Es scheint heute schlicht: eine Notwendigkeit.

Eigentümerwechsel: Umbau zu Luxusappartements und steigende Mieten

Seit zehn Jahren wohne ich in Berlin, bin zum Studieren hierhergezogen. Ich lebe seitdem in einer wunderbaren Wohnung, die Mietenhöhe ist erträglich. Aber vor einiger Zeit hat die Hausverwaltung gewechselt. Vorher gehörte das Haus einer Familie, immer ansprechbar, immer freundlich. Der neue Besitzer ist eine Firma, in deren Aufsichtsrat wohl der Politiker Friedrich Merz sitzen könnte. Global, finanzstark, undurchsichtig.

Ich ahnte Böses. Zu Recht. Seit dem Wechsel wurde der Hausmeister-Service eingestellt, Ansprechpartner gibt es keine mehr und jährlich flattern horrende Nebenkosten-Nachzahlungsforderungen in den Briefkasten. Gleichzeitig zog der neue Eigner das Haus leer, baute die meisten anderen Wohnungen zu möblierten Luxusappartements um. Die Miete dort: Mehr als doppelt so hoch wie meine. Das macht Angst. Die Wohnung, das ist doch der Ort, an dem man sich keine Sorgen machen sollte. Der Ort, an dem man sich heimisch fühlt. Werden die eigenen vier Wände bedroht, bedroht das auch die Existenz.

„Die Hausverwaltungen können sich doch heute alles erlauben“

Neulich traf ich meinen Nachbarn. Herr Z., der seit mehr als 30 Jahren in dem Haus lebt. Urberliner, immer informiert. Wir sind die einzigen „alten“ Mieter im Haus. „Wat, du bist nicht im Mieterverein?“, sagte er. Er lachte mich aus. Schallend. Seit zehn Jahren, sagte er, verhindert er mithilfe des Mietervereins Mieterhöhungen. Die Nebenkostenabrechnungen, die ich bekomme, bekommt auch er. Nur: Er zahlt nie. Legt mithilfe des Mietervereins immer Einspruch ein. Und: Bekommt recht.

„Die Hausverwaltungen können sich doch heute alles erlauben“, sagt er. Vielleicht sind solche Verallgemeinerungen Unsinn, mein Gefühl ist aber: Als Mieter ist man in Berlin oft Bittsteller, nicht gleichwertiger Vertragspartner. Der Wohnraum in Berlin ist knapp, es gibt immer jemanden, der bereit ist, noch ein bisschen mehr zu zahlen. Die Unternehmen nutzen rechtliche Grauzonen aus.

Eine Recherche des „Spiegel“ zeigte kürzlich, wie das Unternehmen Vonovia abkassiert. Neben der Kaltmiete hat Vonovia die Nebenkosten als Einnahmequelle entdeckt. Statt externe Firmen zu beauftragen, übernimmt der Immobilienriese viele Aufgaben selbst und streicht die Profite ein. In solchen Fällen kann der Mieterverein helfen, mit rechtlicher Beratung oder damit, den Fall zu veröffentlichen. Ich habe mich deshalb mit einem 130 Jährigen eingelassen – wie übrigens 10.000 weitere Menschen im vergangenen Jahr. Ich wehre mich jetzt gegen die horrenden Nebenkosten. Dafür binde ich mich sehr gern. Und zugegeben: Bockwurst mag ich auch.

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