Kommentar

Warum der Zuzug für Berlin auch eine große Chance ist

Viele Menschen sehen Zuzug von Neu-Berlinern kritisch. Das sollte sich ändern, meint Florian Schmidt.

Foto: picture alliance/Reto Klar/BM Montage

Berlin steuert auf einen Rekord zu: Die Einwohnerzahl Berlins steigt einer neuen Studie zufolge bis 2045 auf vier Millionen an. Allerdings ist überraschend, wie viele Menschen den Zuzug von Neu-Berlinern kritisch betrachten – statt sich über die Möglichkeiten zu freuen, die das Wachstum mit sich bringt.

Natürlich wird es durch das Bevölkerungsplus enger in der Stadt. Die ohnehin angespannte Situation auf dem Wohnungsmarkt droht sich weiter zu verschärfen, Straßen, Busse und Bahnen werden voller, die Suche nach einem Kita-Platz schwieriger. Nur logisch erscheint es so auf den ersten Blick, dass all jene, die schon hier sind, Angst bekommen, insbesondere vor Verdrängung und steigenden Mieten. Gerade im linken Milieu ist die Wachstumsskepsis groß, was sich bisweilen auch in der Politik widerspiegelt. Nicht wenige sagen etwa Bausenatorin Katrin Lompscher von der Linkspartei nach, sie mache Politik für Bestandsmieter, verfolge gar nicht das Ziel, mehr Wohnungen zu bauen für diejenigen, die erst noch herziehen. Auch in der SPD sind solche Tendenzen zu erkennen, zuletzt etwa gab es Rufe nach einer Ausweitung des Milieuschutzes auf ganz Berlin, um die steigenden Mieten in den Griff zu kriegen.

All das jedoch ist grundfalsch – und zeugt davon, wie wenig die Betroffenen das Wachstum Berlins als das begreifen, was es eigentlich ist: als große Chance auf Prosperität und steigenden Wohlstand. Tatsächlich beweist es, wie attraktiv die deutsche Hauptstadt ist, zeigt, dass Tausende glauben, hier ihr Glück schmieden zu können. Die Zuzügler bringen Ideen mit, gründen Unternehmen, schaffen neue Jobs – und das nicht nur für weitere, top-ausgebildete Neuankömmlinge, sondern auch für die Berliner, die schon hier sind, mit oder ohne Hochschulabschluss.

Es braucht eine Vision für die Stadt von Morgen

Nicht von ungefähr sagen auch die Autoren besagter Studie Berlin ein Wirtschaftswachstum voraus, das oberhalb des Bundesdurchschnitts liegt. Schon heute spült der Aufschwung Geld in die Stadt. Künftig kann er dafür sorgen, dass etwa Gegenden, die derzeit als heruntergekommen und abgehängt gelten, schöner und für die Bewohner lebenswerter werden. Dasselbe gilt für die öffentliche Hand, die von steigenden Steuererträgen profitiert. Die Politik bekommt durch das Wachstum Berlins die Möglichkeit, die Stadt zu gestalten, zum Beispiel mit der Modernisierung von Schulen oder dem Bau neuer U-Bahnlinien. Darüber sollten wir uns freuen – nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass die Entwicklung Arm-aber-sexy-Berlins noch vor zehn Jahren zu stagnieren drohte.

Umso schlimmer ist es deshalb, wenn die Politik die wachsende Stadt nicht als eben jene Chance betrachtet. Wollen wir, dass Berlin eine blühende Zukunft hat, müssen heute die Weichen gestellt werden. Zentraler Punkt dafür ist einerseits eine starke Ausweitung des Wohnungsbaus. Nur durch mehr Wohnraum schaffen wir Platz für Zuzügler und stabilisieren langfristig die Mieten. Andererseits braucht es schon heute eine grundsätzliche Vision für die Stadt von morgen. Wo benötigen wir künftig neue Nahverkehrsangebote? Wie werden wir im Jahr 2045 arbeiten, wie unsere Kinder betreuen, wo und wie wollen wir wohnen? All diese Fragen werden im landespolitischen Alltag viel zu selten gestellt, auch weil sich die meisten Politiker primär mit der Bekämpfung kurzfristiger Wachstumsschmerzen beschäftigen anstatt langfristig zu denken. Das aber können und müssen wir erwarten. Sonst droht die große Chance, die sich uns bietet, verspielt zu werden.

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