Kommentar

Was uns Ernst Reuters berühmte Rede heute sagt

Vor 70 Jahren sagte Berlins Regierender Bürgermeister Ernst Reuter den berühmten Satz „Ihr Völker der Welt, schaut auf diese Stadt“.


Ernst Reuter war Berlins Regierender Bürgermeister von 1951 bis 1953

Ernst Reuter war Berlins Regierender Bürgermeister von 1951 bis 1953

Foto: akg images / picture alliance / akg images

Berlin. Viele Menschen verklären die Vergangenheit. Früher war alles besser, kein Klimawandel, keine Flüchtlinge, keine Neonazis, keine versagenden Ämter, keine Wohnungsnot, alles funktionierte irgendwie sicher und geordnet. Wenn wir uns heute an die berühmte Rede Ernst Reuters vor 70 Jahren erinnern, wird deutlich, wie wenig dieses Gefühl mit den historischen Fakten zu tun hat.

„Ihr Völker der Welt, schaut auf diese Stadt“ war kein Spruch, um Touristen anzulocken. Sondern ein Hilferuf einer existenziell in ihrer Freiheit bedrohten Stadthälfte. Der Ring der sowjetischen Blockade umschloss den West-Teil Berlins, wo eine hungernde Bevölkerung von zwei Millionen Menschen, darunter ganz viele Flüchtlinge, zwischen Ruinen ums Überleben kämpfte. Die Bitte um Solidarität wurde damals von den West-Alliierten gehört, die auch aus geopolitischen Gründen die Halbstadt nicht dem stalinistischen Ostblock preisgeben wollten. Sie verteidigten aber eben auch demokratische Überzeugungen und luden die Westdeutschen ein, sich nach Jahren der Nazibarbarei dem westlichen Wertekanon anzuschließen.

Freiheit, Demokratie, Toleranz und Solidarität sind heute so wichtig wie in den Nachkriegsjahren. 300.000 Zuhörer der Reuter-Rede vor dem Reichstag legen Zeugnis ab von einer beeindruckenden Geschlossenheit unter den Berlinern. Auch wenn eher der Feind des Kommunismus als die Überzeugung für die Demokratie die Menschen zusammenschweißte, so wünschte man sich doch heute mehr von dieser Einigkeit. Unsere Probleme sind im Vergleich mit der damaligen Not läppisch. Den allermeisten geht es heute so gut, wie es wohl kaum ein Zuhörer vor dem Reichstag zu träumen gewagt hätte. Deshalb bitte: Gelassenheit, Weltoffenheit und den Willen, das demokratische Gemeinwesen zu verteidigen. Dann können die Völker der Welt weiter auf unsere Stadt schauen und sich freuen, wie weit wir es gebracht haben seit damals.

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