Canisius-Kolleg

Die Kartelle des Schweigens existieren überall

| Lesedauer: 3 Minuten
Uta Keseling

Es braucht offenbar immer neue Skandale, bis allen klar ist, dass Schweigekartelle überall existieren können, meint Uta Keseling.

Verschwiegen, vertuscht, verdeckt – mit solchen Schlagworten wird derzeit der Skandal um Regisseur Dieter Wedel beschrieben, dem sexuelle Gewalt an zahlreichen Schauspielerinnen vorgeworfen wird. Es sind fast dieselben Begriffe, mit denen vor acht Jahren über den Skandal am Canisius-Kolleg 2010 in Berlin berichtet wurde.

Man kann einwenden, dass ein Filmset kein Elitegymnasium ist, dass es im aktuellen Fall Wedel um erwachsene Frauen und nur einen mutmaßlichen Täter geht. In Berlin dagegen gerieten 2010 mehrere Jesuitenpatres unter Verdacht, ihre Opfer Kinder und Jugendliche. Dennoch gibt es Gemeinsamkeiten.

Als am 28. Januar 2010 die Berliner Morgenpost erstmals über den Missbrauchsskandal berichtete, war das Erstaunen groß, wo dieser massenhafte Missbrauch stattgefunden hatte: An einer Eliteschule mit Schülern aus besten Kreisen, in Tiergarten, mitten in der Stadt. Und unter dem Dach gleich zweier Institutionen, die sich der Menschenliebe verschrieben haben – des Jesuitenordens und der katholischen Kirche.

Statt zu ermitteln wurde getuschelt

Auch der Fall Wedel zieht wohl einen Teil der Aufmerksamkeit deshalb auf sich, weil er im glamourösen Milieu des Films spielt und nicht in den Schmuddelecken der Gesellschaft, wo man es eher für möglich hält, dass ein Mann Frauen sexuell demütigt und bedroht, während andere zuschauen – und schweigen.

„Schweigekartell“, dieses Wort wird im Fall Wedel aktuell auf die Vielzahl von Mitwissern angewandt, die zuschauten und feige schwiegen, und auf einen öffentlich-rechtlichen Sender, der im Fall Wedel zwar Akten anlegte, aber nicht handelte, wie die Wochenzeitung „Die Zeit“ diese Woche berichtete.

Auch die Opfer des Canisius-Kollegs beschreiben eine solche Mauer des Schweigens. Schon Anfang der 80er-Jahre hatte es ja deutliche Hinweise auf einen der Haupttäter gegeben. Doch er wurde einfach nur versetzt. Statt zu ermitteln, wurde getuschelt, Opfer verunsichert oder lächerlich gemacht. Und der neue Arbeitgeber in Hildesheim erfuhr nichts von dem Verdacht.

Die Mauer des Schweigens zu brechen ist schwer

Das Schweigen brechen: Es klingt so einfach. In Wirklichkeit sind es unendlich viele Schritte, die dazu beitragen, eine Mauer des Schweigens restlos abzutragen. Da braucht es den Mut der ersten Opfer, sich zu offenbaren. So wurden am Canisius-Kolleg aus zunächst zwölf bekannten Fällen an die 100, viele Opfer meldeten sich erst Jahre später.

Es braucht Persönlichkeiten wie den damaligen Schulleiter Pater Klaus Mertes, der den öffentlichen Blick diskret weg von den Opfern hin zu dem System lenkte, das die Täter deckte. Es brauchte die Geduld der Politik zu verstehen, was sexuelle Gewalt anrichtet und wieso es die Opfer Jahrzehnte kosten kann, bis sie darüber sprechen können.

Was leider auch stimmt: Es braucht offenbar immer neue Skandale, bis endlich allen klar ist, dass Schweigekartelle überall existieren können. In der Kirche ebenso wie an Schulen, und Kinderheimen, im Sport, im Internet – also überall, wo Täter Gelegenheit finden, sich schwächerer Menschen gewaltsam zu bemächtigen, mithilfe der Sexualität, die als Instrument der Gewalt eingesetzt wird. Dieses Faktum wird gern verdrängt, wenn harmlos von „Sextätern“ die Rede ist.

Verschwiegen, vertuscht, verdeckt: Juristisch ist die Aufarbeitung des Canisius-Skandals kein Erfolg. Kein Täter wurde verurteilt. Die längeren Verjährungsfristen helfen den Opfern von einst nicht. Vielleicht hat der Skandal aber dazu beigetragen, dass Opfer es heute leichter haben, sich Gehör zu verschaffen und die Mauern des Schweigens zu brechen.

Mehr zum Thema:

Canisius-Kolleg:Stückweise fällt die Mauer des Schweigens