Medizinermangel

Es darf keine Ärzte zweiter Klasse geben

Gesundheitsämtern fehlen Ärzte wegen schlechtem Gehalt. Dass Dilek Kolat die Gehälter angleichen will, reicht nicht, meint unser Autor.

Ärzte in den Gesundheitsämtern verdienen schlechter als ihre Kollegen in den Kliniken (Archiv)

Ärzte in den Gesundheitsämtern verdienen schlechter als ihre Kollegen in den Kliniken (Archiv)

Foto: Bernd Weissbrod / dpa

Seit sieben Jahren leitet Gudrun Widders das Gesundheitsamt Spandau. Fast sieben Vollzeitstellen kann die Amtsärztin aktuell nicht besetzen, nur in Marzahn-Hellersdorf ist die Lage dramatischer. Im Bereich des sozialpsychiatrischen Dienstes etwa fehlt Widders ein Facharzt, wenn der eine ausfällt, müssen auch Menschen mit akuten Gefährdungen nach Hause geschickt werden. Mal abgesehen von den Gutachten, die über Monate nicht geschrieben werden können. Zwölf Mal hat der Bezirk die Stelle seit 2015 ausgeschrieben, zwölf Mal hat niemand zugesagt. Noch nie sei die Lage so dramatisch gewesen, sagt die Amtsärztin.

Die Ärzte im öffentlichen Gesundheitsdienst fühlen sich wie Ärzte zweiter Klasse. Niemand will ihren Job machen, und das ist nachvollziehbar. Denn die Kollegen in den Kliniken bekommen jeden Monat rund 1000 Euro mehr aufs Konto, wer will da schon ins Gesundheitsamt?

Kolats Ankündigung, die Gehälter anzugleichen kommt zu spät

Die Krankenhausärzte haben einen eigenen Tarifvertrag, während die Mediziner in den Gesundheitsämtern an die Tarifgemeinschaft der Länder (TdL) gebunden sind. Und hier konnte Berlin sich mit einer Anpassung der Gehälter letztes Jahr nicht durchsetzen.

Das war vorhersehbar, seit Jahren bleibt ein einheitlicher Tarifvertrag aus. Deshalb kommt die Ankündigung von Gesundheitssenatorin Dilek Kolat (SPD), alle Spielräume in der TdL auszunutzen und bei Neueinstellungen die Gehaltslücken per Zulagen schließen zu wollen, gefühlt zu spät.

Aber immerhin kommt sie. Trotzdem muss der Senat wie angekündigt weiter versuchen, die anderen Bundesländer zu einer Vereinheitlichung zu überzeugen. Denn optimal ist die Zwischenlösung nicht: Die Gehaltsanpassung gilt nur bei neu eingestellten Ärzten. Die anderen bleiben erstmal auf ihrem alten Gehalt sitzen. Es sind Amtsärzte wie Gudrun Widders, die den drohenden Unmut darüber neben all ihren anderen Aufgaben dann moderieren müssen.

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