Mauerbau

Berlin darf den Schrecken nicht vergessen

Am Sonntag jährt sich der Mauerbau in Berlin zum 56. Mal. Das Gedenken ist in den Hintergrund gerückt, meint Ulrich Kraetzer.

Die Gedenkstätte an der Bernauer Straße mit der Kapelle der Versöhnung

Die Gedenkstätte an der Bernauer Straße mit der Kapelle der Versöhnung

Foto: Amira Mortada / dpa

Linien aus Pflastersteinen auf der Straße. Kunstwerke an der East Side Gallery. Wegweiser für Erholungssuchende, die den "Mauerweg" entlangradeln. Nein, es ist nicht viel, was im Alltag der Berliner an die Mauer erinnert, an jenes mons­tröse Bauwerk, mit dem die Führung der DDR ihre eigenen Bürger einsperrte, Familien zerriss und ihr Wesen als menschenverachtende Diktatur dokumentierte. Warum gerade am Sonntag daran erinnert wird? Richtig, da war ja was, am 13. August, damals im Jahr 1961. Es war der Tag des Mauerbaus. Die deutsche Teilung wurde zementiert. Der Glaube an ein Ende des Kalten Krieges rückte in weite Ferne.

56 Jahre später und fast 28 Jahre nach dem Mauerfall ist das Gedenken in den Hintergrund gerückt. Die Stadt müht sich, ihre Zukunft zu gestalten und genießt ihren Ruf als hippe Metropole. Soweit, so verständlich. Doch auch die Vergangenheit, die Schrecken und das Leid, dürfen nicht in Vergessenheit geraten. Aus Respekt vor den Mauertoten. Aus Verantwortung, dass antidemokratische und menschenverachtende Ideologien nie wieder Fuß fassen.

In Stein gegossene Zeugnisse der Brutalität des DDR-Regimes können dabei helfen. Die Stasiopfer-Gedenkstätte in Hohenschönhausen. Aber auch das einstige DDR-Polizeigefängnis an der Keibelstraße am Alexanderplatz. Der Senat müsste das Gebäude und die Zellen, in denen auch Oppositionelle mal­trätiert wurden, nur endlich der Öffentlichkeit zugänglich machen. SPD, Linke und Grüne haben sich bisher aber lediglich darauf verständigt, es zum Lernort für Schüler herzurichten. Das ist besser als nichts. Aber zu wenig. Der Schrecken muss für jedermann sichtbar werden. Das ist die Stadt denen schuldig, die dort eingesperrt wurden. Das ist sie auch sich selbst schuldig, wenn sie verhindern will, dass Geschichtsklitterungen, das DDR-Regime sei doch nicht so schlimm gewesen, wieder salonfähig werden.

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