Verkehrspolitik

Angesichts des Fahrradbooms muss ein „New Deal“ her

In Berlin sind immer mehr Menschen mit dem Fahrrad unterwegs. Einige bestehende Regeln müssen auf den Prüfstand, meint Ulrich Kraetzer.

In Berlin wird mittlerweile jeder siebte Weg mit dem Fahrrad zurückgelegt. Die Tendenz ist steigend – und darüber sollten sich alle freuen: Berliner, die gern selbst mit dem Rad unterwegs sind, weil sie, etwa bei Geschäftsterminen, nicht mehr als Vertreter einer merkwürdigen Spezies, sondern als „ganz normale Menschen“ angesehen werden; Anwohner, weil Fahrräder keine Giftstoffe in die Luft blasen und keinen Lärm verursachen; Autofahrer und die Nutzer des öffentlichen Nahverkehrs, weil jeder, der mit dem Rad unterwegs ist, nicht die Straßen blockiert oder einem in Bus oder Bahn den Sitzplatz wegschnappt.

Auf der anderen Seite sorgt der Boom für Ärger. Denn viele Radfahrer billigen Verkehrsregeln eher empfehlenden Charakter zu. Bei Rot über die Straße? Kein Problem! Fahren auf dem Bürgersteig? Wenn die Straße gerade zu voll ist, warum nicht! Eine solche Wild-West-Kultur ist für jeden, der in der Innenstadt unterwegs ist, jeden Tag zu beobachten. Die auf FDP-Anfrage nun veröffentlichten Zahlen zu registrierten Ordnungswidrigkeiten von Radfahrern erscheinen vor diesem Hintergrund lächerlich niedrig.

Das Problem ist nur, dass die Polizei nicht an jeder Straßenecke stehen und nicht jeden Regelverstoß ahnden kann. Um einen reibungs- und möglichst konfliktfreien Verkehrsfluss zu ermöglichen, müssen Radfahrer und andere Verkehrsteilnehmer sich daher auf einen „New Deal“ einigen. Dazu könnte gehören, bestehende Regeln auf den Prüfstand zu stellen: Schon jetzt dürfen Radler in ausgewiesenen Einbahnstraßen in beiden Richtungen fahren. Das funktioniert. Es ist daher nur folgerichtig, wenn Verkehrsexperten auch erwägen, Radfahrern nach gründlicher Prüfung und an übersichtlichen Kreuzungen auch das Rechtsabbiegen bei roter Ampel zu ermöglichen. Solange die Regeln gelten, müssen sich aber alle daran halten – auch die Berliner, die mit Fahrrad unterwegs sind.

© Berliner Morgenpost 2019 – Alle Rechte vorbehalten.