Kommentar

Berlins Wirtschaftswachstum steht auf wackeligen Füßen

Es ist gut, dass die Berliner Wirtschaft überdurchschnittlich stark wächst. Doch das muss ein Ansporn sein, meint Jochim Stoltenberg.

Blick auf Berlin (Archivbild)

Blick auf Berlin (Archivbild)

Foto: dpa Picture-Alliance / Robert Schlesinger / picture alliance / Robert Schles

Freuen wir uns über eine mal gute Nachricht aus unserer Stadt: Die Berliner Unternehmen sprengten 2015 erstmals die 200-Milliarden-Euro-Marke bei ihren Umsätzen aus Lieferungen und Leistungen. Das ist ein Plus von mehr als 4,3 Milliarden Euro und gegenüber dem Vorjahr eine Steigerung um mehr als zwei Prozent. Diese statistische Erfolgsmeldung passt sich ein in Berlins bundesweit überdurchschnittliches Wirtschaftswachstum von drei Prozent ebenfalls in 2015. So weit, so erfreulich.

Ein Grund zu übermäßiger Freude sind diese Zahlen leider nicht. Denn Berlins spürbarer wirtschaftlicher Aufschwung gründet auf wackeligen Füßen und verlangt bis zum wirklichen Durchbruch langen Atem. Eine Schwachstelle bleibt die Wirtschaftsstruktur. Mit einem Anteil des produzierenden Gewerbes von nur 16 Prozent bei 84 Prozent Dienstleistungssektor rangiert Berlin im Bundesvergleich am Ende. Im produzierenden Gewerbe ist nicht nur die Wertschöpfung größer, auch das Tarifgefüge liegt im Durchschnitt über dem im Dienstleistungsbereich.

Und das positive Wachstum relativiert sich, da es vornehmlich auf dem Zuzug von außen fußt. Aussagekräftiger ist die Wirtschaftskraft je Erwerbstätigem, also die Produktivität. Die hat sich seit 2010 kaum verändert. Im Ländervergleich steht Berlin wiederum hinten.

In einem Stadtstaat sind Ansiedlungen großer produzierender Gewerbe kaum zu erwarten. Wachstumstreiber bleibt vorrangig die vielschichtige Start-up-Branche. In der Hoffnung, dass sich demnächst aus der einen oder anderen „Entwicklungsbude“ etwas Großes entwickelt. Also marktfähige erfolgreiche Produkte und gut bezahlte Arbeitsplätze. Derzeit spielt die Niedrigzinspolitik den Start-ups in die Hände. Wehe dem, wenn die endet. Umso dringlicher, dass die aktuelle Freude über die positive Umsatzentwicklung als Ansporn für morgen begriffen wird.