Recht auf Pünktlichkeit

Die Berliner S-Bahn will Gewinne – und vergisst ihre Kunden

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Ulrich Kraetzer
Eine S-Bahn am Bahnhof Tiergarten

Eine S-Bahn am Bahnhof Tiergarten

Foto: dpa Picture-Alliance / Soeren Stache

94,2 Prozent aller S-Bahnen sind pünktlich. Das klingt besser als es ist. Die meisten Gründe sind hausgemacht, meint Ulrich Kraetzer.

Auf den ersten Blick klingt es nicht schlecht: Im vergangenen Jahr kamen in Berlin 94,2 Prozent aller S-Bahn-Züge pünktlich. Auf den zweiten Blick erscheint die Zahl aber wie ein Offenbarungseid. Denn als „unpünktlich“ gilt ein Zug erst dann, wenn die Verspätung vier Minuten oder mehr beträgt. Züge, die zwei, drei oder sogar knapp unter vier Minuten zu spät kommen, werden also nicht mitgezählt. Wer regelmäßig den S-Bahn-Ring nutzt, dürfte angesichts der scheinbar akzeptablen Zahl ohnehin in schallendes Gelächter ausbrechen. Denn ausgefallene und verspätete Züge gehören dort zum Alltag. Hinzu kommt: Die 94,2 Prozent sind kein Ausrutscher. Den mit dem Senat vereinbarten Wert von mindestens 96 Prozent verfehlt die S-Bahn schon seit Jahren.

Die meisten Gründe sind hausgemacht: Um möglichst hohe Gewinne an ihren Mutterkonzern, die Deutsche Bahn AG, abführen zu können, hat die Tochter „DB Netz“ über Jahre zu wenig in Schienen und Weichen investiert. Den Satz, „Wegen einer Weichenstörung ...“, können S-Bahn-Kunden daher längst mitsingen. Aber auch das Land Berlin trägt Verantwortung. Weil frühere Senatsverwaltungen den Betrieb nicht rechtzeitig ausgeschrieben haben, konnten dringend benötigte neue Wagen erst mit Verspätung bestellt werden. Nun sorgen sie erst ab 2021 für Entlastung.

S-Bahn und DB Netz kündigen nun ein „Qualitätsprogramm“ an. Klingt gut – aber Zweifel bleiben angebracht. Denn ähnliche Programme gab es schon häufiger. Und hinter schönen Titeln wie „Optimierung S-Bahn“ verbargen sich meist keine Strategien im Sinne der Kunden sondern Sparprogramme zur Gewinnmaximierung. Ach ja: Der Gewinn, den die S-Bahn an den Staatskonzern Deutsche Bahn abführt, ist 2016 übrigens um fünf Millionen auf nun 72 Millionen Euro gestiegen. Da sollten wir uns jetzt also alle mal freuen – und das bisschen Wartezeit in Kauf nehmen! Oder doch nicht?

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