Stasi-Affäre

Fall Holm - Die Entscheidung der HU ist unverständlich

Die Humboldt-Universität vollzieht eine Kehrtwende. Die Präsidentin ließ wohl Gnade vor Recht ergehen, meint Gilbert Schomaker.

Andrej Holm Anfang Januar bei einer Podiumsdiskussion zum Thema „Einmal Stasi - immer Stasi? Der 'Fall Andrej Holm'"

Andrej Holm Anfang Januar bei einer Podiumsdiskussion zum Thema „Einmal Stasi - immer Stasi? Der 'Fall Andrej Holm'"

Foto: Maurizio Gambarini / dpa

Die Entscheidung kam überraschend: Andrej Holm wird an der Humboldt-Universität (HU) nicht entlassen. Der Kurzzeitstaatssekretär in der Senatsbauverwaltung darf an der Uni weiter als Dozent arbeiten. Die Präsidentin der Humboldt-Universität, Sabine Kunst, hat ihn – so deutlich muss man es wohl sagen – begnadigt (Lesen Sie hier die Erklärung der HU-Präsidentin im Wortlaut). Es gibt nur eine Abmahnung, keine Kündigung. Bei genauer Betrachtung ist das unverständlich.

Zur Erinnerung: Kunst hatte ihren Mitarbeiter entlassen wollen, weil er bei seiner Einstellung falsche Angaben zu seiner Stasi-Vergangenheit gemacht hatte. Kunst sprach in der Pressekonferenz von einer „arglistigen Täuschung“ des Arbeitgebers durch die Falschangaben im Einstellungsfragebogen. Das Vertrauensverhältnis zwischen Arbeitgeber (HU) und Arbeitnehmer (Holm) war offenbar so zerrüttet, dass es die Universität auch auf einen zu erwartenden Prozess vor dem Arbeitsgericht hätte ankommen lassen.

Kunst lässt Gnade vor Recht ergehen

Nun die Kehrtwende. Grund ist Holms Erklärung, dass er „gegenüber der HU objektiv falsche Angaben hinsichtlich meiner Tätigkeit für das MfS gemacht habe“. Er bedauere das, so der Soziologe.

Diese Entschuldigung – drei Wochen nach der öffentlichen Entlassung und damit der öffentlichen Festlegung, dass man nicht mehr zusammenarbeiten könne – reicht aus, um Holm wieder an der Universität aufzunehmen.

Man gewinnt den Eindruck, auch mit Blick auf andere Verfahren, dass Kunst in diesem Fall Gnade vor Recht ergehen ließ. Die Rückkehr ihres Dozenten können auch die Studenten als Sieg über die HU-Präsidentin feiern. Sie hatten die Entlassung scharf kritisiert und das Institut für Soziologie zeitweise besetzt.

Eine Rückkehr als Staatssekretär wird es nicht geben

Am Freitag freute sich Kunst gar auf die erneute Zusammenarbeit. So könne „die Expertise im Lehrbereich Stadtsoziologie der HU für Lehre und Forschung erhalten bleiben“, hieß es in der Erklärung der Uni.

Also: Schwamm drüber? Wenn alles nicht so schlimm war, könnte Holm auch als Staatssekretär zurückkehren? Hatte nicht der Senat über Wochen betont, man wolle die Entscheidung über Holms Zukunft als Staatssekretär von der Entscheidung der Universität abhängig machen? Bis am Ende dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) der Kragen platzte.

Eine Rückkehr als Staatssekretär wird es nicht geben, der neue Staatssekretär wird nächste Woche ernannt. Aber Holms ehemalige Vorgesetzte Katrin Lompscher (Linke) hat angekündigt, den Stadtsoziologen als Berater zu nutzen. Die Affäre Holm – einen Schlussstrich gibt es nicht.

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