Gastbeitrag

Auch Donald Trump wird die Zwänge der Politik erleben

Im Wahlkampf setzte Donald Trump auf maximale mediale Sprengkraft. Nun muss sich zeigen, ob er lernfähig ist, meint Jan Techau.

Der designierte US-Präsident Donald Trump

Der designierte US-Präsident Donald Trump

Foto: Michael Reynolds / dpa

Der Autor Jan Techau ist Leiter des Richard C. Holbrooke Forums bei der American Academy in Berlin.

Bei Twitter nennt sich Donald Trump @realDonaldTrump. Doch wer der wahre Trump ist, das weiß niemand so genau, vielleicht nicht einmal er selbst. Wie katastrophal sich seine Wahl zum Präsidenten tatsächlich auswirken wird, hängt aber genau davon ab: glaubt er wirklich, was er da seit Monaten herausposaunt? Wird er tatsächlich tun, was er angekündigt hat?

Falls ja, dann ist das Ausmaß des Schadens, der entstehen wird, überhaupt nicht absehbar. Nicht für Europa und nicht für die Welt. Wenn Europa sich nicht mehr auf die amerikanische Sicherheitsgarantie verlassen kann, ist vielleicht nicht nur bald mit Frieden und Stabilität in Europa vorbei. Auch anderswo auf der Welt wird man aufmerksam verfolgen, was ein amerikanisches Versprechen noch wert ist. Russland und China können es kaum erwarten, der Pax Americana den Rest zu geben, den Westen zu spalten, und auch global andere, eigene Standards zu setzen, die mit offener Demokratie, Grundrechten und Völkerrecht nicht viel zu schaffen haben.

Alle Informationen zur US-Wahl

Folgen könnten die Kräfte Europas übersteigen

Um Amerika geostrategisch ganz zu ersetzen, müsste Europa seine Außen- und Sicherheitspolitik in einer Dimension ausbauen, die die Kräfte des Kontinents wohl überschreiten. Zumal heute, wo die innere Kraft des Projekts EU erlahmt scheint und “mehr Europa” bei Bürgern unter Generalverdacht steht. Die Kosten einer Aufwertung Europas bei Diplomatie, Militär, Entwicklungshilfe und globaler Mitsprache würden alle Kassen sprengen und das liebgewonnen europäische Sozialmodell bersten lassen.

Noch unaussprechlicher wird es, wenn es um Ersatz für die nuklearen Schutzschirm Amerikas geht, unter dem Europa sich noch immer befindet, und der die Europäer vor atomarer Erpressung und anderen Übergriffen schützt. Würde es eine Debatte um eine nukleare Aufrüstung Europas geben? Die amerikanische Bombe hat die Europäer bisher vor der Frage einer nuklearen Aufrüstung ihres Kontinentes bewahrt. Wenn Trump Ernst macht, könnte eine gefährliche Entwicklung in Gang kommen. Ähnliches ist in Asien zu erwarten. Japan, das Trump nicht mehr schützen will, hat bereits eine Atombombendebatte. Südkorea würde nicht lange auf sich warten lassen.

Wachsendes Misstrauen in der Nato kaum zu vermeiden

In der Nato ist wachsendes Misstrauen schon heute kaum mehr zu vermeiden. Wenn die Leitmacht des Bündnisses offen mit Russland flirtet, wer kann Washington dann noch vertrauen? Ist dann Zusammenarbeit in der Allianz überhaupt noch möglich? Es droht nicht nur eine transatlantische Spaltung, sondern auch eine Atomisierung der Europäer in militärischen Fragen. Dass die EU in dieser Frage zu einem ernsthaften Akteur heranwächst, ist nicht so bald zu erwarten, selbst wenn es kleinere Anzeichen verstärkter Zusammenarbeit gibt.

Sofern es nicht eine komplette Implosion der Außenpolitik Washingtons geben wird (befeuert durch bizarre Ideen Trumps und die Fantasiewelt seiner Berater), wird amerikanische Außenpolitik zumindest künftig dem Primat des “Deals” unterliegen, der kurzfristig Gewinn bringenden Geschäftstransaktion. Trump wird außenpolitische Beziehungen nach dem Wert ihres unmittelbaren Ertrages beurteilen. Da bleibt kein Platz für strategische Investitionen in Institutionen wie die Nato oder gar die UN. Die zentrale Währung von Außenpolitik, Vertrauen, wird durch den geldwerten Vorteil ersetzt. Berechenbarkeit bleibt auf der Strecke und Wertorientierung wird zum belächelten Luxusaccessoire für Schwächlinge und Romantiker.

Kleine Chance auf Vermeidung des Totalschadens

Vielleicht aber gibt es dieses kleine Quentchen Hoffnung, dass der Trump des Wahlkampfes sich zumindest teilweise vom wahren Donald Trump unterscheidet. Der sein Reden und Tun nicht ausschließlich daran ausrichtet, wie es maximale mediale Sprengkraft und Empörung hervorruft, um sein krankhaft unersättliches Ego zu nähren. Vielleicht hinter den öffentlichen Pathologien des neuen Präsidenten eine Trump der zu ernsthafter Abwägung fähig ist, der den Mittelton treffen kann, und vor allem: der lernfähig und lernbereit ist. Dann gäbe es eine Chance, den transatlantischen und globalen Totalschaden abzuwenden. Gesehen haben wir von diesem ja immerhin denkbaren Trump in den vergangenen Monaten nichts, gerade so als hätte es der Kandidat darauf angelegt, jeden Zweifel an seiner maximalen Unmöglichkeit zu zerstreuen.

So oder so gibt es nur eine Gewissheit. Auch Trump wird im höchsten amerikanischen Staatsamt sein Eisenhower-Erlebnis haben. Der ehemalige Alliierte Oberbefehlshaber der Alliierten im Zweiten Weltkrieg war 1952 zum Präsidenten gewählt worden. Er beklagte sich bitterlich darüber, dass seine Befehle im Militär immer sofortige Wirkung gezeigt hätten, seine Anordnungen als Präsident aber meistens folgenlos blieben. Auch Trump wird erleben müssen, dass die Zwänge der Politik, die komplexe Bürokratie, und die Fehden seiner Mitarbeiter und Zuträger ein Durchregieren wie im auf ihn zugeschnittenen Firmenleben nicht zulassen.

Wenn bei Trump also gar nichts hilft, dann helfen vielleicht noch die Mühlen des Washingtoner Politikbetriebes. Zumindest um das Schlimmste zu verhindern. Die Hoffnung bleibt, dass "the real Donald Trump" ein etwas anderes Wesen ist, als die kaputte Gestalt, die uns in den letzten Monaten in unseren politischen Alpträumen heimgesucht hat.

Der Autor Jan Techau ist Leiter des Richard C. Holbrooke Forums bei der American Academy in Berlin.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.