Wahlergebnis

Bei Berlins Politikern gibt es keine Spur von Demut

Am Tag nach dem schlechten Wahlergebnis gibt es bei den Parteien kaum Einsicht. Demut? Fehlanzeige, meint Christine Richter.

Der Regierende Bürgermeister von Berlin und Spitzenkandidat Michael Müller (SPD) am Wahlabend

Der Regierende Bürgermeister von Berlin und Spitzenkandidat Michael Müller (SPD) am Wahlabend

Foto: Rainer Jensen / dpa

Es sind die schlechtesten Ergebnisse, die die Berliner SPD und die CDU seit Kriegsende jemals erzielt haben. Gerade einmal 21,6 Prozent für die Berliner SPD mit dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller an der Spitze, noch weniger, nur 17,6 Prozent für die CDU mit ihrem Spitzenkandidaten, Landeschef und Innensenator Frank Henkel. Rot-Schwarz ist von den Berlinern krachend abgewählt worden, aber eben auch Müller und Henkel.

>>> Interaktive Wahlkarte - So haben Ihre Nachbarn gewählt <<<

Wer am Tag nach der Abgeordnetenhauswahl nun dachte, die beiden Führungskräfte hätten verstanden, was in der Stadt los ist, der hat sich geirrt. Der Regierende Bürgermeister Müller erklärte am Montagmorgen erneut: "Wir haben unser Wahlziel erreicht." 21,6 Prozent – so schlecht war noch kein Spitzenkandidat vor ihm. Selbst Walter Momper, der 1999, zehn Jahre nach seinem gescheiterten rot-grünen Senat einen zweiten Versuch als Spitzenkandidat wagte und unterlag, erzielte noch 22,4 Prozent. Schlechter, so dachte jeder Sozialdemokrat, kann es in Berlin nicht mehr werden. Kann es doch: Seit Sonntag ist Müller derjenige, der die SPD ins Jammertal gebracht hat.

>>> Alle News zur Abgeordnetenhauswahl in Berlin <<<

Man erinnert sich: Vor wenigen Monaten noch nannte Müller als Wahlziel "30 Prozent plus x". Als er am Montag von Wahlziel sprach, dann meinte er damit, dass die SPD ja die "stärkste Partei" geworden sei, dass sie den Auftrag zur Regierungsbildung erhalten habe. "Stärkste Partei", das klingt bei einem solchen Ergebnis wie Hohn.

Bei der CDU setzte zumindest am Montag die Vernunft wieder ein. Noch am Wahlabend hatte Frank Henkel zur Überraschung seiner engsten Parteifreunde gesagt: "Ich trete nicht zurück." Angesichts der desaströsen Niederlage waren viele CDU-Funktionäre entsetzt über diese öffentliche Festlegung. Sie hatten gehofft, dass er Verantwortung übernehmen werde. Dass er einmal Stärke zeigen würde. Denn in den letzten Wochen hatten sich die CDU-Wahlkämpfer von ihren Sympathisanten immer wieder anhören müssen, dass man diesmal "wegen Henkel" nicht CDU wählen werde. Und so kam es auch. Doch Henkel wollte zunächst als CDU-Landeschef weitermachen. Am Sonntag lehnte er persönliche Konsequenzen ab, am Montag, an der Seite von Bundeskanzlerin Angela Merkel, ebenfalls.

Doch ein paar Stunden später – nachdem führende CDU-Politiker mit ihm unter vier Augen gesprochen hatten – bot er dann seinen Rücktritt an. Richtigerweise, denn nur so kann sich die Berliner CDU wieder neu aufstellen. Und die Union ermöglicht ihm noch einen milden Abgang: Weil sie nicht den Eindruck erwecken will, sie hätte dem Drängen der SPD nachgeben, darf Henkel noch ein bisschen im Amt bleiben. Und vielleicht sogar ein Sondierungsgespräch mit Müller führen, auch wenn das nur eine Showveranstaltung ist. Erst zum nächsten Parteitag, der vorgezogen wird, gibt Henkel sein Amt ab.

>>> Berlin-Wahl - 15 Fakten, die Sie kennen sollten <<<

So bleibt es dabei: Demut vor dem Wahlergebnis hätte man sich von allen Parteien gewünscht. Einen Regierenden Bürgermeister, der sagt: "Ich habe verstanden." Der mit seiner neuen Mannschaft besser werden will – bei der Schulsanierung, bei den Bürgerämtern, der Polizeiausstattung, beim Wohnungsbau. Der weiß, dass sich die Bürger Sorgen machen, um die Zukunft ihrer Kinder, um die Sicherheit in der Stadt. Doch statt "Ich habe verstanden" lautete die Botschaft: "Ich habe gewonnen."

Das Schöne an Berlin ist, dass die Stadt es auch diesmal überleben wird.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.