Immer Hertha

Hertha vor dem Start: Die Crux mit den Saisonzielen

Herthas Manager wünscht sich einen Zuschauer-Schnitt von 60.000 und den Einzug ins Pokalfinale. Eine heikle Ansage, meint Uwe Bremer.

Hertha-Fans im Berliner Olympiastadion

Hertha-Fans im Berliner Olympiastadion

Foto: dpa

Der Anfang dieser Geschichte reicht zurück in die Zeit, als es noch Fax-Geräte gab. Im Juli 2003 bereitete sich Hertha BSC im Montafon auf die Bundesliga-Saison vor. Es war eine Zeit, als der Autor dieser Zeilen froh war, am Abend zu hören, dass die Hertha-Berichte vom Morgen des Tages ins Mannschaftshotel nach Österreich gefaxt worden waren. Es war mittlerweile nach 22 Uhr. „Die Seiten liegen an der Rezeption hinten auf dem Tisch. Sie können sich die Blätter holen“, sagte mir die Hotel-­Besitzerin, sie habe einem Kunden ein Getränk zu bringen.

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Also betrete ich den internen Bereich und sehe beim Griff nach den Zeitungsausschnitten, dass am einzigen Computer des Hotels Fredi ­Bobic sitzt, der neue Torjäger von ­Hertha. „Hej ­Fredi, ihr hattet gerade ­Teamsitzung mit Trainer und Manager. Auf welches Saisonziel habt ihr euch ­geeinigt?“

Bobic war überrascht und zögerte. „Hat Euch das der Manager nicht gesagt?“ Ich tat, als hätte ich keine Frage gehört. Bobic sagte, o.k., das Saisonziel sei die Champions League. Medien lieben Saisonziele. Die Champions League, obwohl sie folgerichtig war, weil Hertha vier Jahre in Folge auf den Plätzen vier, fünf und sechs eingelaufen war, klang auch mutig.

Entsprechend groß war die Resonanz auf die Geschichte in der Morgenpost. Der damalige Manager Dieter Hoeneß war ein Freund davon, offensiv an große Ziele heranzugehen. Zudem glaubten die Verantwortlichen, die Mannschaft mit den Torjägern Bobic und Artur Wichniarek sowie Heimkehrer Niko Kovac, der vom FC Bayern kam, hochkarätig verstärkt zu haben. Die Neuen trugen das ehrgeizige Vorhaben ebenso mit wie das Team um Kapitän Dick van Burik.

Hertha-Manager Preetz offensiv wie selten

Nun, 13 Jahre später, wurde im aktuellen Bundesliga-Magazin der Deutschen Fußball-Liga je ein Verantwortlicher aus jedem Verein nach seinen Wünschen für die Saison 2015/16 gefragt. Hertha-Manager Michael Preetz, ein eigentlich zurückhaltendes Temperament, gab sich offensiv wie selten. Er wünsche sich einen Zuschauerschnitt von 60.000 Besuchern im Olympiastadion. „Und im DFB-Pokal wünsche ich mir, dass wir eine Runde weiterkommen als in der vergangenen Saison.“ Der traut sich was.

Da Hertha sich im April bis ins Pokal-Halbfinale gespielt hatte, spricht Preetz vom Erreichen des Pokal-Endspiels. Das wird seit 1985 im Wohnzimmer von Hertha, dem Olympiastadion, aus­getragen – allerdings haben es die Blau-Weißen seit 31 Jahren nicht ein einziges Mal dorthin geschafft.

Eine Saison voller Verdruss programmiert

Noch ambitionierter ist der Wunsch von 60.000 Zuschauern. Die Erfahrung der vergangenen Jahrzehnte lehrt, dass Hertha im Schnitt 45- bis 50.0000 Besucher anzieht, egal, ob es gut oder schlecht läuft. So auch in der vergangenen Spielzeit: Da lockte der Hauptstadt-Klub im Schnitt 46.850 Fans. Um 2016/17 auf 60.000 zu kommen, muss Hertha die Stadt mit richtig erfolgreichem Fußball rocken. Das ist die Crux mit Saisonzielen. Nicht nur die Medien lieben sie, auch Fans nehmen sie extrem wahr. Darüber wird mit Verve diskutiert. Je nach Standpunkt werden sie für sinnvoll erachtetet. Nur wer sich hohe Ziele steckt, kann diese erreichen. Oder es hagelt Kritik, das sei übers Ziel hinausgeschossen, damit werde eine Saison voller ­Verdruss programmiert.

Schwierig ist es vor allem für jene, die die Saisonziele Tag für Tag leben müssen. 2003 im Montafon war einer überhaupt nicht begeistert, dass die interne Absprache mit der Champions League postwendend öffentlich geworden war: der Trainer. Huub Stevens grummelte. Er wusste, wer als erster bezahlen muss, falls das Saisonziel außer Sicht geraten sollte. Genauso kam es. Als Hertha fünf Monate später, statt um die Königsklasse zu spielen, auf Platz 17 abgestürzt war, musste Hoeneß seinen Lieblingstrainer entlassen.

Eine weitere Folge jenes Sommers 2003 im Montafon: Seither dürfen Journalisten nicht mehr im selben Hotel wie die Mannschaft wohnen.