Kommentar

Investoren kommen an Berlin nicht mehr vorbei

Immer häufiger investieren Industriegiganten in die Hauptstadt. Berlins Digital-Szene befindet sich im Wandel, meint Jens Anker.

Auch auf dem Euref-Gelände rund um den Schöneberger Gasometer arbeiten Start-ups, große Unternehmen und Forscher

Auch auf dem Euref-Gelände rund um den Schöneberger Gasometer arbeiten Start-ups, große Unternehmen und Forscher

Foto: Christian Kielmann

Die 6Wunderkinder und Auto1 gehören zu den heimlichen Champions in Berlin. Die beiden Unternehmen sind in der Öffentlichkeit kaum bekannt, tatsächlich gehören sie zu den Top-Firmen in der Stadt. Der Softwaregigant Microsoft hat 6Wunderkinder gerade für 200 Millionen Euro gekauft, und der Wert der Online-Gebrauchtwagenhändler von Auto1 wurde gerade auf eine Milliarde Dollar geschätzt. Die beiden Berliner Unternehmensgründungen stehen beispielhaft für die wirtschaftliche Entwicklung in Berlin.

Nach Jahren des Niedergangs und einer Arbeitslosenquote von fast 20 Prozent hat sich das Gesicht der Stadt in den vergangenen Jahren deutlich gewandelt. Wenn es um Unternehmensgründungen in der digitalen Wirtschaft geht, kommen Investoren kaum noch an Berlin vorbei. Die Hauptstadt hat inzwischen London beim Einsammeln von Wagniskapital überholt. 2,1 Milliarden Euro investierten Geldgeber im vergangenen Jahr in junge Berliner Unternehmen – so viel wie nie zuvor.

Die Digital-Szene im Wandel

Dabei hat die Digital-Szene in der Stadt einen Wandel erlebt. Wenn Industriegiganten wie Daimler, Würth oder der Medizintechnikspezialist B.Braun-Melsungen ihre Zentren für Zukunftstechnologien nach Berlin verlegen, dann ist das ein deutliches Zeichen. Die jungen, wilden Hinterzimmergründer, die ihr Glück vor allem durch Selbstausbeutung und mithilfe des elterlichen Sparkontos suchten, sind zwar nicht verschwunden, aber sie treffen immer häufiger auf hochspezialisierte Abteilungen etablierter Firmen, die den technologischen Wandel nicht versäumen wollen.

Wenn sich diese Entwicklung bestätigt, dann bedeutet das den nächsten Schritt für die Berliner Wirtschaft. Die Stadt könnte davon auf Jahre hinaus profitieren, denn sie bleibt dadurch für kluge Köpfe attraktiv. Ob diese Entwicklung trotz oder wegen der Berliner Politik eingetreten ist, lässt sich schwer sagen. Das jahrelange Versagen beim Aufbau eines freien Wlan-Netzes oder die teilweise entwürdigenden Zustände für Unternehmensgründer bei der Ausländerbehörde sollten jedenfalls nicht dazu führten, sich allzu sehr in Selbstlob zu verlieren.