Kommentar

Wer hat die Schuld am Kältetod?

Ein Obdachloser stirbt am Kurfürstendamm, mitten in Berlin. Wer hat Schuld, wenn so etwas geschieht, fragt sich Uta Keseling.

Die Habseligkeiten des toten Obdachlosen liegen an der Ecke Kudamm und Joachimsthaler Straße

Die Habseligkeiten des toten Obdachlosen liegen an der Ecke Kudamm und Joachimsthaler Straße

Foto: Tobias Köberlein

Der Tote vom Kurfürstendamm ist an einem symbolischen Ort gestorben. Mehr Berlin geht kaum als am Kurfürstendamm Ecke Joachimsthaler Straße. Eine der belebtesten Kreuzungen der Stadt, die auch nachts warm erleuchtet ist vom Schaufensterlicht: Hier starb der Mann vor einem Kiosk, der tagsüber Berlin-Andenken verkauft. Wer ist schuld an dem Tod? Oder muss man diese Frage gar nicht stellen?

Nein, eine Schuldzuweisung kann es nicht geben. Nicht seitens der Justiz, es gab ja keine „Anzeichen auf Fremdeinwirkung“, wie es in der Polizeisprache heißt. Nicht seitens der Gesellschaft, schließlich haben Passanten dem Mann ja Hilfe angeboten. Und er selbst? Kann man einem Menschen vorwerfen, dass er es ablehnt, gerettet zu werden? Natürlich nicht. Also: Fall erledigt?

Doch, man muss die Schuldfrage stellen. Wenn ein Mensch mitten unter uns stirbt, allein, dann hat irgendetwas nicht funktioniert. Dann hat das viel zitierte „soziale Netz“ ein Loch. Und man darf durchaus mit dem Finger auf jene zeigen, die es flicken können.

Auf die Politik zum Beispiel, die sich sehr gern mit Obdachlosen zeigt, wenn die Medien auch dabei sind. Die aber, wenn keiner mehr hinsieht, einen Strich durch die Rechnung macht, in der steht, was es wirklich kostet, solche Menschen wirksam zu betreuen. Also solche, die psychisch krank sind oder süchtig, die Schulden haben oder vorbestraft sind – oder womöglich all das gleichzeitig. Problem-Menschen also. Mit denen lässt sich niemand gern ein.

Wer auf andere deutet, zeigt aber mit einem Finger auch immer auf sich selbst. Jeder Mensch kann etwas für Obdachlose tun. So wie die Passanten, die den Mann gefunden haben – auch wenn sie zu spät waren, sie haben nicht weggeschaut. So wie die unzähligen Spender und ehrenamtlichen Helfer. Auch sie sind jenes Berlin, für das der Kurfürstendamm symbolisch steht. Ohne Helfer gäbe es weder Notunterkünfte, Suppenküchen, Wärme- und Kältebusse. Und noch viel mehr Kältetote auf Berlins Straßen.