Immer Hertha

Nach Beleidigung Mädchenfußball als Strafe

Die Geschichte der Frauen im Männerfußball ließe sich auch als eine der Verfehlungen und Missgeschicke schreiben, sagt Jörn Meyn.

Düsseldorfs Kerem Demirbay hat sich nach seinem Platzverweis in der Wortwahl vergriffen und später entschuldigt

Düsseldorfs Kerem Demirbay hat sich nach seinem Platzverweis in der Wortwahl vergriffen und später entschuldigt

Foto: dpa

Da war dieser sogenannte Busen­wischer. Damals kollidierten buchstäblich die beiden Welten, die aktuell wieder so unvereinbar zu sein scheinen. Vor fünf Jahren, eine grottenschlechte Zweitligapartie, Herthas Peter Niemeyer wollte Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus beim Rückwärtslaufen auf die Schulter klopfen und erwischte stattdessen ihre Brust. Ein Missgeschick, aber eines mit Eigenleben: Kein Mensch sprach später über das Spiel gegen Aachen. Der Busen war Thema. Die „Bild“ nannte Steinhaus nur „Bibi“.

Neben dieser vielsagenden Verniedlichung war die ganze Sache für die Akzeptanz von Frauen im Männerfußball das denkbar Schlechteste, was passieren konnte. Da half es auch nicht, dass die damals 31-Jährige sehr elegant damit umging: ein irritierter Blick, dann ein Lächeln und später kein großes Wort mehr darüber, um die Geschichte nicht noch gewichtiger zu machen. Aber das Malheur bestätigte die These: Tauchen Frauen im Männerfußball auf, treten sie als Personen in ihrer Funktion zurück und ihre Weiblichkeit tritt nach vorn. Eine Sauerei ist das – natürlich. Aber der Fußball ist oft reaktionärer als ­andere Bereiche der Gesellschaft.

Bibiana Steinhaus, im Hauptberuf Polizistin, ist heute 36 Jahre alt und pfeift seit acht Jahren Spiele der Zweiten Liga. Sie war 2007 die erste Schiedsrichterin im deutschen Männerfußball. Das gab damals ein Riesen-Bohei. Man hatte das irgendwie schon wieder vergessen, bis am vergangenen Sonntag Kerem Demirbay ausfällig wurde. Steinhaus hatte den Düsseldorfer Profi in der Zweitligapartie gegen den FSV Frankfurt vom Platz gestellt. Nun beschimpfte sie der 22-Jährige mit den Worten: „Ich finde, Frauen haben im Männerfußball nichts zu suchen.“

Beides, angefasst zu werden und bepöbelt, ist für Schiedsrichter Normalität. Leider. Doch bei Steinhaus, als Frau unter Männern, wird das Normale immer zur Sensation. Nun stellte Demirbay so offen wie schon lange keiner mehr die Existenzfrage: Gibt es einen Platz für Frauen im Männerfußball, oder sollte es den gar nicht geben? Das war natürlich selten dämlich, aber damit endet der Skandal noch nicht.

Kerem Demirbay hat sich schnell bei Bibiana Steinhaus entschuldigt. Hitze des Gefechts. Völlig gegen das eigene Frauenbild. Ein Fehler. All das gab er auf Facebook zu. Die Geschichte der Frauen im Männerfußball ließe sich als eine der Verfehlungen und Missgeschicke schreiben. Mit Carmen Thomas, die sich in ihrer TV-Moderatorenkarriere wahrscheinlich nur ein einziges Mal versprach, als sie 1973 im Aktuellen Sportstudio des ZDF „Schalke 05“ sagte, würde das erste Kapitel beginnen, dann übernähmen komplett die Männer.

Aber zurück zu Demirbay. Der muss natürlich eine Strafe bekommen – am besten auch vom eigenen Verein, damit der nicht als Hinterwäldler-Klub dasteht. Das hat sich auch Fortuna Düsseldorf gedacht. Deren kommissarischer Vorsitzender Paul Jäger fand folgende Strafe angemessen: „Er wäre doch eine gute Sache, wenn Kerem sein wirkliches Frauenbild noch einmal dadurch unterstreicht, dass er bei einem Mädchenfußballspiel auf den Platz geht – als Schiedsrichter“, sagte Jäger. So, so. Mädchenfußball als Strafe, als eine Art Sozialstunde gegen den Machismo von verhaltensauffälligen Profis. Seltsame Maßnahme. Es ist zu vermuten, dass sie ebenfalls nicht gut ankommen wird.

Seit Sommer ist Bibiana Steinhaus übrigens nicht mehr die einzige Frau im deutschen Profifußball der Männer: Riem Hussein, wie Steinhaus auch aus dem Harz und promovierte Pharmazeutin, pfiff bisher vier Partien in der 3. Liga. Unter den insgesamt 64 Schiedsrichtern in Liga eins, zwei und drei befinden sich nun zwei Frauen. Bei ihrer Vorstellung sagte die ehemalige Zweitligaspielerin: „Früher habe ich gerne über Schiedsrichter gemeckert. Doch ich bin der Auffassung: Wenn man keine Ahnung hat, sollte man sich selbst einmal mit den Dingen vertraut machen.“ Vielleicht ist es ja das, was sie in Düsseldorf von Kerem Demirbay wollen.