Michael Michalsky

"Berlin wollte doch nie Paris oder London sein"

Die Berliner Fashion Week startet. Und Designer Michael Michalsky feiert zehnjähriges Jubiläum. Wir haben mit ihm gesprochen

Modedesigner Michael Michalsky

Modedesigner Michael Michalsky

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Bei der Mercedes-Benz Fashion Week, die am heutigen Dienstag beginnt, feiert Michael Michalsky nicht nur die Rückkehr seiner Show "StyleNite" nach einer "Germany's next Topmodel"-Pause im Januar, sondern auch zehnjähriges Jubiläum. 2006 gründete der Wahlberliner sein Label, nachdem er zuvor als Designer für Levi's, adidas und MCM gearbeitet hatte. Ein Gespräch über die Vorbildrolle von Karl Lagerfeld, das Aufwachsen und Berlin als Inspiration.

Der Stilberater Bernhard Roetzel hat mir in einem Interview vor Kurzem erzählt, dass er mit Ihnen zur Schule gegangen ist. Er sagte, Sie seien schon damals durch Ihren Stil aufgefallen. Haben Sie das auch so in Erinnerung?

Michael Michalsky: Stimmt, in Bad Oldesloe. Wir haben zusammen Abitur gemacht. Er sah schon immer anders aus, genau wie ich. Deshalb haben wir uns gut verstanden. Ich habe damals schon in meiner eigenen Welt gelebt und war sehr inspiriert von Musik. Das bin ich heute noch. Ich weiß noch, wie Kabelfernsehen in unser Dorf kam. Das Erste, was ich gesehen habe, war MTV. Es gab ja damals kein Internet, das können sich manche Leute heute gar nicht mehr vorstellen. Ich war also auf Magazine angewiesen.

Waren Sie der Außenseiter oder der, den alle cool fanden?

Ich weiß nicht, ob mich alle cool fanden. Ich war aber definitiv auch nicht der Außenseiter. Meine Eltern haben mich so erzogen, dass ich mich immer ausleben konnte. Dass es vollkommen okay ist, so zu sein, wie man ist. Das fand sicher nicht jeder gut. Aber meine Eltern haben mich immer machen lassen, die hätten nie gesagt: "So gehst du nicht aus dem Haus."

Wie sind Sie denn als Teenager aus dem Haus gegangen?

Das hat sich wöchentlich geändert. Irgendwann hatte ich ja auch Erwartungen zu erfüllen. Manche Leute haben morgens darauf gewartet, dass ich in die Schule geschwebt kam. Für mich war das normal, ich war ja in dieser Rolle, ich war Michael Michalsky. Ich habe mich nicht isoliert gefühlt. Damals habe ich gelernt, Trends zu erkennen. Das, worüber die Leute am meisten gelästert haben, hatten sie dann zwei Jahre später an.

Der Beruf Designer wird einem dennoch selten vorgeschlagen, wenn man mit der Schule zur Berufsberatung geht.

Ich wusste schon ganz früh, dass ich Designer werden wollte. Meine Eltern hatten damals den "Stern" abonniert. Damals gab es dort noch ganz tolle Modestrecken. Mit 14 habe eine Reportage über Karl Lagerfeld gelesen. Bis dahin hatte ich keine Vorstellung davon, was man als Designer macht, und dass man davon wirklich leben kann. Karl war damals Chefdesigner von Chloé und hatte eine surrealistische Kollektion gemacht mit bestickten Duschköpfen, die Ohrringe waren Wasserhähne. Das fand ich so faszinierend, und seitdem wusste ich, was der Mann macht, das möchte ich eines Tages auch machen.

Ihre Eltern haben das unterstützt?

Meine Eltern wollten, dass mein Bruder und ich etwas mit Leidenschaft und Einsatz machen. Das war ihr Ansatz von einer preußischen Erziehung. Wir sollten uns bewusst sein, dass wir das, was wir wählen, wahrscheinlich 40 Jahre lang machen und davon leben können müssen.

Haben Sie sich dank Ihres liberalen Elternhauses früh geoutet?

Ich habe mich nie geoutet. Dazu habe ich keine Veranlassung gesehen. Ich war schon immer so, wie ich bin, und das fand ich ganz normal. Das war in meiner Familie nie ein Thema. Ich finde auch nicht, dass man als Jugendlicher eine Pflicht hat, sich zu outen. Das machen Heterosexuelle ja auch nicht.

Nach Ihrem Studium in London waren Sie Chefdesigner bei Levi's und adidas. Was hat 2006 den Ausschlag gegeben, Ihr eigenes Label zu gründen?

Ich war elf Jahre bei adidas, das ist wahnsinnig lang für einen Kreativen. Aber ein eigenes Label war immer mein Traum. 2006 habe ich gedacht, entweder ich verwirkliche das jetzt oder ich mache es nie. Ich war ja bei adidas in einer sehr komfortablen Situation, und das Risiko einer Selbstständigkeit ist immer hoch. Aber ich wollte nicht irgendwann bereuen, dass ich es nicht gemacht habe.

In Berlin gab es zu dieser Zeit noch nicht mal eine Fashion Week. Warum haben Sie sich damals für die Stadt entschieden?

Das war einfach genau der Ort, an dem ich das machen wollte. Ich hatte das Gefühl, dass Berlin mich so inspiriert wie vorher in den 90er-Jahren New York und London. Ich fand es toll, dass Berlin noch nicht etabliert, sondern in der Entwicklung war. Die Stadt ist heute immer noch nicht fertig. Und inzwischen findet man den Mitte-Look bei Jugendlichen auf der ganzen Welt.

Pünktlich zur Fashion Week melden sich dennoch immer wieder Kritiker zu Wort, die beklagen, Berlin sei im Kontext der internationalen Modebranche vollkommen bedeutungslos.

Diese Menschen haben doch nicht verstanden, dass Berlin nie so sein wollte wie London, Paris oder Mailand. Das gibt es ja schon. Berlin ist innovativ, weil es Mode so, wie sie ist, darstellt. Paris basiert hingegen auf Haute-Couture-Häusern. Und man darf nicht vergessen, dass Berlin im internationalen Vergleich noch eine sehr junge Fashion Week hat. Ich finde das eine sehr gute Veranstaltung.

Die "StyleNite" findet dieses Mal im Französischen Dom in Mitte statt. Wie kam es dazu?

Ich laufe da häufig vorbei, und ich liebe Architektur. Wäre ich nicht Designer, wäre ich Architekt. Ich finde den Gendarmenmarkt faszinierend. Die Kollektion ist sehr stark von Architektur in-spiriert. Hinzu kommt, dass all das in einer sehr toleranten Zeit gebaut wurde. Es war eine Kirche für Zugereiste, denen man Asyl gewährt hat. Diese Botschaft gefällt mir.

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